Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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auch jene auf endloſen Erwerb von Länderſtrecken ſich werfen, mit Ueberſchreitung der Grenze der nothwendigſten Natur⸗Bedürfniſſe. Sehr logiſch nothwendig, o Socrates, war ſeine Antwort. Da werden wir nachher Krieg haben, o Glauco, oder wie wird's gehen? Ja ſo wird's gehen, ſagte er. Und da wollen wir, fuhr ich fort, noch gar keine Bemerkung daruüber machen, weder ob der Krieg etwas Schlimmes, noch ob er Gutes bewirkt, ſondern nur beiläufig ſoviel, daß wir wieder was gefun⸗ den haben, nämlich die Wurzel des Krieges, d. h. die Handlungen,*) aus welchen den Staaten ſowohl im Privat⸗ wie im öffentlichen Leben das größte Unheil entſteht, wenn ſie vorfallen. Ja das einmal ganz gewiß. Eine nochmalige Vergrößerung unſeres Staates iſt demnach, mein Lieber, nöthig, nicht etwa um einen kleinen Raum, ſondern um den für ein ganzes Kriegsheer,(374) welches für das ſämmtliche Beſitz⸗ thum und für die erwähnten Bürgerklaſſen**) auszieht und den Kampf gegen die heranrückenden Feinde durchzumachen hat. Wie, warf er hier ein, ſind denn die Bürger ſelbſt nicht hiegegen ſtark genug? Nein, antwortete ich, ſofern das vorhin von dir und uns allen insgeſammt während der Heranbildung des Staates gemachte Zugeſtändniß ſeine Richtigkeit hat, wie es ſie hat; wir geſtanden aber, wie du dich erinnerſt, wohl zu, daß einer nicht viele Künſte üben kann. Richtig bemerkt, verſetzte er. Was folgt nun daraus? fuhr ich fort; ſcheint dir der Kampf im Kriege keine Kunſt zu ſein? Und zwar eine große, erwiderte er. Oder darf man ſich wirklich weniger um die Kriegskunſt bekümmern, als um die Kunſt des Schuhmachers? Nimmermehr! Nun verboten wir doch einerſeits folgerecht dem Schuhmacher, zu gleicher Zeit Landbauer, Weber, Häuſerbauer ꝛc. ſein zu wollen, damit uns die Arbeit der Schuhmacherkunſt ſchön gerathe, und ſo überwieſen wir überhaupt einem jedesmal nur ein Geſchäft, zu welchem er von Natur geeignet war und zwar unter der Bedingung, daß er von den übrigen Geſchäften die Hände laſſen, nur jenes ſein Geſchäft durch das ganze Leben betreiben ſolle, ohne die rechte Zeit dafür vorbeigehen zu laſſen, und alſo ſchöne Arbeit leiſten könne; in Bezug auf die Leiſtungen im Kriege nun ſollte es nicht von der größten Wichtigkeit ſein, daß darin ſchöne Arbeit geliefert werde? Oder iſt das Kriegshandwerk ſo leicht, daß irgend einer beim Landbau, beim Schuhmacher⸗Handwerk oder überhaupt beim Be⸗ treiben irgend eines andren Geſchäftes zugleich ein tüchtiger Kriegsmann ſein kann, während im Brett⸗ oder Würfelſpiel niemand in der Welt ein Meiſter geworden iſt,

*) Nämlich die ungerechten, welche hier noch nicht ſo ſtark, wie ſpäter, als die Quelle alles menſchlichen Unheils hervorgehoben werden, weil hierzu noch nicht der Ort iſt. Meine von Stall⸗ baum ſowie von allen Ueberſetzern abweichende Auffaſſung dieſer Stelle habe ich ausführlich gerechtfertigt in meiner Aehrenleſe c. in der Zeitſchr. f. Alterth., 1834, Nr. 108.

**) Die Rechtfertigung auch dieſer abweichenden Auffaſſung a. a. O.