Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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wird ihn aber zugeſtandener Maßen unſer Bedürfniß. Allerdings. Aber das iſt nun doch gewiß das erſte und größte Bedürfniß die Nahrungsvorkehrung, um phyſiſch exiſtieren zu können. Ganz und gar gewiß. Das zweite natürlich das Beſchaffen einer Wohnung, das dritte das einer Kleidung und dergleichen. Iſt ſo. Wohlan denn, fuhr ich fort, wie wird die Staatsgemeinde zur Herbeiſchaffung ſo vieler Dinge ausreichen? Nicht wahr, der eine iſt ein Landbauer, der zweite ein Häuſerbauer, ein andrer ein Weber? Oder wollen wir auch noch einen Schuhmacher hinzufügen, oder einen andren dienſtbaren Künſtler für die leiblichen Bedürfniſſe? Ganz wohl. Es würde alſo die allernothwendigſte Staatsgemeinde aus vier oder fünf Mann beſtehen. Augenſcheinlich. Wie denn nun weiter? ſoll jeder von dieſen ſein Erzeugniß für alle gemeinſchaftlich machen, z. B. der Landbauer allein für vier Getreide und die vierfache Zeit ſowohl als Arbeit auf die Getreide⸗Herbeiſchaffung verwenden, um andren davon mitzutheilen, oder ſoll er unbekümmert um ſie für ſich allein den vierten Theil dieſes Getreides bereiten(370) in dem vierten Theile der Zeit und von den drei andren Viertheilen das eine in Bereitung einer Wohnung, das andre in der eines Kleides, das dritte in der von Schuhen hinbringen, um durch Verkehr mit andren keine Schererei zu haben und ſelbſt mit eigner Hand ſeine Sachen zu verrichten? Adimantus erwiderte: wohl gewiß leichter, o Socrates, iſt die erſtere Art als die letztere. Ganz und gar natürlich, fuhr ich fort; denn während deiner Antwort komme ich ſelbſt zur Einſicht der vernünftigen Gründe hievon, daß erſtlich nämlich jeder von uns von Natur dem andren gar nicht ganz gleich ſondern hinſichtlich der angebornen Anlage verſchieden iſt, der eine zur Verrichtung dieſer, der andre zu der jener Arbeit, oder ſcheint's dir nicht ſoſ? Mir einmal. Zweitens, wird wohl einer es ſchöner machen, wenn er in einer Perſon in vielen Künſten, oder wenn er in einer Perſon nur in einer arbeitet? Wenn einer nur in einer, antwortete er. Ferner, denk ich, iſt auch dieſer dritte Grund ein⸗ leuchtend, daß, wenn einer die günſtige Zeit für eine Arbeit vorbeigehen läßt, ſie mißräth. Einleuchtend freilich. Denn es wird, denk' ich, die zu verrichtende Arbeit nicht gerne die freie Zeit des Verrichtenden abwarten wollen, ſondern es iſt unbedingt nothwendig, daß der Verrichtende der zu verrichtenden Arbeit zu Gefallen geht, nicht ſo nebenbei zur Feierzeit. Unbedingt nothwendig. Aus dieſen Grün⸗ den alſo gerathen alle Arbeiten jeder Art nicht nur in größerer Menge, ſondern auch ſchöner urnd leichter, wenn einer eine Arbeit nach der ihm angeborenen Anlage und zu der rechten Zeit, frei von den übrigen Beſchäftigungen, verrichten würde. Ja dies einmal ganz und gar. Da ſind alſo, o Adimantus, mehr als vier Mitbürger nöthig zur Herbeiſchaffung der vorhin erwähnten Bedürfniſſe; denn aus bekannten Gruͤnden wird ſich der Landbauer nicht ſelbſt ſeinen Pflug machen, wenn er ſchön ſein ſoll, auch nicht ſeinen Spaten oder die übrigen zum Landbau gehö⸗