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die Aehnlichkeit des größeren Gegenſtandes bei der Geſtalt des kleineren vor Augen haben.— Ja, ſagte er, da ſcheinſt du mir einen guten Gedanken zu haben.— Nicht wahr, fuhr ich fort, wenn wir alſo in Gedanken vor unſern Augen einen Staat entſtehen ließen, ſo würden wir auch das Weſen der Gerechtigkeit ſowie der Ungerech⸗ tigkeit desſelben damit entſtehen ſehen?— Vielleicht, antwortete er.— Und nicht wahr, wenn dies Geſchäft geſchehen wäre, ſo hätten wir Hoffnung, daß wir das, was wir ſuchen,*) leichter ſehen?— Ja, viel leichter!— Seid ihr alſo der Mei⸗ nung, daß man die Löſung dieſer Aufgabe verſuchen ſolle? Es iſt nämlich, wie ich glaube, gar keine kleine Arbeit! Ueberlegt es daher wohl!— Iſt ſchon überlegt, ſagte Adimantus; drum nur ganz ſo gefälligſt fortgefahren!
11. Nun denn, hob ich darauf an, ein Staat entſteht, wie ich einmal dafür⸗ halte, weil bekanntlich ein jeder von uns ſich in ſeinen Bedürfniſſen**) nicht ſelbſt allein genügt, ſondern vieler Leute bedarf; oder glaubſt du, daß eine andre Veranlaſſung den Anfang zur Gründung einer Staats⸗Gemeinde mache?— Keine andre.— Wenn nun auf dieſe Weiſe der eine den zu dieſem, der andre den zu jenem Bedürfniſſe aufnahm, weil ſie vieler bedürftig waren, und wenn ſo viele Genoſſen ſowohl als Gehilfen nach einer Wohnſtätte ſich zuſammenzogen: ſo gab man dieſem Zuſammen⸗ hauſen den Namen Staat,***) nicht wahr?— Ja, das einmal ganz gewiß.— Der eine theilt nun natürlich dem ſein Erzeugniß mit, der andre einem andren, falls er eines mitzutheilen hat, oder einer empfängt dies und jenes in der Meinung, daß dies beſſer für ihn ſei.— Ganz gewiß.— So komme denn nach dieſen Zugeſtändniſſen her, fuhr ich fort, und laß uns in Gedanken einen Staat von vorn erſchaffen; erſchaffen
*) Das Weſen und die unbedingte Vorzüglichkeit der Gerechtigkeit.
**) Wenn Plato in dem Bedürfniſſe des Menſchen die Veranlaſſung des Staates ſieht, ſo iſt ihm dies Bedürfniß aber nicht Zweck des elben, wie der Verfolg zeigen wird. Mit Unrecht wurde er daher von ſeinem Schüler Ariſtoteles getadelt, welcher nur in der ſittlichen Natur des Menſchen den Grund zur Staaten⸗Gründung erblickt. Eben ſo ungegründet iſt der von zwei berühmten Briten, früher von Baco(aug. se), neulich von Macaulay(Essays) gegen ihn ausgeſprochene Tadel, daß Plato den Zweck des Staates in Tugendhaftigkeit der Bürger und in die vollendete(ſittlich⸗religiöſe) Wiſſenſchaft der Regenten ſetze, nicht zunächſt in das Wohlbefinden der Bürger. Das gegen⸗ wärtige„Wohlbefinden“ Irlands und Indiens ſowie Londons, in deſſen Straßen ſelbſt am Tage ehrliche Leute ihres Eigenthums und Lebens nicht ſicher ſind, zeigt wohl handgreiflich, daß die Staaten, welche von Dauer ſein und das Wohlbeſinden der Bürger wirklich beabſichtigen, ſich einen höheren Zweck ſetzen müſſen, als ut cives feliciter degant, wie Baco ſich ausdrückt.
**r) Das griechiſche Wort 16 is bedeutet Staat und Stadt(welche im Deutſchen auch nur orthographiſch verſchieden ſind), iſt demnach nicht leicht zu überſetzen. Nach G. Curtius(Grund⸗ züge der gr. Etymologie, Band I, Nr. 366 u. 374) bedeutet die Wurzel des Wortes Mℳs Men ge, Fülle, Volk(plebs), Geaneine; auf den Ort übertragen, Land, Stadt. Das deutſche Wort Gemeine entſpricht mehr, aber der Verſtändlichkeit wegen ziehen wir die Neberſetzung durch Staat vor.


