Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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Lehren über die Tugend übrig ſind, bis zu den Menſchenkindern der Gegenwart herab, noch keiner ſeinen Tadel der Ungerechtigkeit und ſein Lob der Gerechtigkeit anders ausgeſprochen hat, als in Hinſicht auf die Meinung der Leute und die Geltung im Staate ſowie auf die reellen Vortheile, lauter Dinge, die doch nichts als die unmit⸗ telbaren Folgen von ihnen ſind. Aber von der Gerechtigkeit an und fuür ſich mit der eigenthümlichen Wirkung, welche jede von beiden bei einem in der Seele hat, ſelbſt wenn ſie Göttern ſowoͤhl als Menſchen verborgen bleibt, hat noch niemand je weder in der Sprache der Dichtkunſt noch in der der Proſa auf eine befriedigende Weiſe den Beweis des Satzes dargethan: daß einerſeits die Ungerechtigkeit unter allen Uebeln, welche die Seele nur in ſich haben kann, das größte, die Gerechtigkeit andrerſeits aber das größte Gut iſt. (367) Denn wenn ihr Lobpreiſer der Tugend insgeſammt von Anfang an auf dieſe Weiſe gelehrt und uns von Jugend auf dieſe Ueberzeugung beigebracht hättet: ſo bräuchte bei uns nicht einer über den andern die Polizei zu üben,*) um ihn von Un⸗ gerechtigkeiten abzuhalten; ſondern es würde ein jeder ſelbſt ſein Hüter ſein, dadurch nämlich, daß er ſich fürchtet, er möge durch Verübung einer nngerechihk i ſich in das größte Uebel ſtürzen.

Dieſe bisher von mir vorgetragenen Aeußerungem⸗ mein lieber Socrates, und vielleicht noch mehr als dieſe, könnte Thraſymachus und irgend ein anderer über Ge⸗ rechtigkeit und Ungerechtigkeit vorbringen, indem ſie dabei, wie ich für meine Perſon dafürhalte, auf unverſchämt materialiſtiſche Weiſe die Wirkung derſelben vertauſchen. Dagegen hätte ich, denn ich darf es dir gar nicht verhehlen, ein großes Verlangen, eine Widerlegung davon aus deinem Munde zu hören, und deshalb hielt ich nach Kräften dieſen weitläufigen Vortrag. Zeige uns alſo nicht nur, daß Gerechtigkeit etwas Edleres iſt als Ungerechtigkeit, ſondern auch, welche innere Wirkung jede von beiden an und für ſich bei einem hervorbringt, und daß alſo nach derſelben die eine ein Uebel, die andere ein Gut ſei. Den äußern Anſchein mußt du dabei aber bei jeder weglaſſen, wie ſchon Glauco ſich es ausgebeten hat. Denn wenn du nicht beiderſeits den eigentlichen wahren Schein einer jeden wegläſſeſt, dagegen einer jeden den ihr eigentlich nicht zukommenden beilegſt: ſo werden wir ſagen, du lobteſt nicht die Rechtſchaffenheit an und für ſich, ſondern eigentlich den äußern Anſchein davon in den Augen der Welt, und andrerſeits erklärteſt du dich nicht gegen das eigentliche Ungerechtſein, ſondern bloß gegen den äußern Schein desſelben, rietheſt alſo an, man dürfe ſchon ungerecht ſein, müſſe aber nur den äußern Schein davon

*) Das heißt wohl mit andren Worten: je mehr echt moraliſch⸗religiös erziehende Schulen irgendwo vorhanden ſind, da braucht man deſto weniger Zuchthäuſer.