Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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lehren und die Götterſöhne,*) welche als Dichter die Boten und Propheten der Götter waren und uns verkünden, daß es hiermit auf die beſagte Weiſe ſich verhalte. Aus**) welchem Grunde ſollten wir alſo nun noch die Gerechtigkeit der größten Un⸗ gerechtigkeit vorziehen? Wenn wir uns ja letztere nur in Verbindung mit einer ſchein⸗ heiligen Gleißnerei aneignen, ſo muß es bei Gott und der Welt uns nach Wunſch gehen, ſowohl während des Lebens als auch nach dem Tode, wie aus der Lehre der vielen hochanſehnlichen Geiſter hervorgeht.

9. Wie kann nun, o Socrates, nach aller eben dargeſtellten Nützlichkeits⸗ Moral es noch ein Bewegungsmittel geben, daß jemand noch ein echter Verehrer der Ge⸗ rechtigkeit zu werden ſich beſtrebe, dem irgend ein vielvermögender Einfluß zu Gebote ſteht, ſei es nun von Seiten ſeines Geiſtes, oder ſeines Vermögens, oder ſeines Körpers, oder des Adels ſeiner Geburt, und muß er nicht vielmehr laut lachen, wenn er vom Lobe der Gerechtigket hört? Denn wirklich, wenn ſelbſt jemand unſre bisher vorgetragenen Einwürfe gegen die Gerechtigkeit als unwahr wiſſenhaftlich nach⸗ weiſen kann und die gründlichſte Ueberzeugung hat, daß die Gerechtigkeit das höchſte Gut iſt: ſo muß er nach dem bisher Geſagten mit den Ungerechten doch wohl viel Nachſicht haben und kann ihnen nicht zürnen. Er weiß ja wohl, daß, etwa den Fall ausgenommen, daß jemand vermöge einer unverwüſtlichen Natur aus angeborenem Abſcheu vor dem Unrechtthun oder durch Erlangung einer gründlichen wiſſenſchaftlichen Bildung ſich desſelben enthält, übrigens niemand in der Welt aus freiem Willen gerecht iſt; ſondern daß ein jeder nur aus Unmännlichkeit, oder aus Altersſchwäche, oder aus ſonſt einer Ohnmacht das Unrechtthun tadelt, weil er es nämlich nicht mehr ausüben kann. Wie es aber mit dieſem Tadel ausſieht, iſt weltbekannt, denn der erſte der Leute von den genannten Eigenſchaften, der zu ſeiner Kraft gelangt, iſt auch der erſte der Unrecht thut, ſo viel er nur irgend vermag.

Und von allen dieſen betrübenden Erſcheinungen gibt es ſonſt keine andere Ur⸗ ſache, als eben jene, von welcher dieſer ganze Vortrag ſowohl bei dieſem da***) als auch bei mir ausgieng, nämlich um als Widerſager dir, Socrates, gegenüber vorzu⸗ tragen, daß von euch allen, mein Schönſter, die ihr euch für Prediger der Gerech⸗ tigkeit ausgebet, von allen den hochheiligen Götterſöhnen der Urzeit, von welchen nur

*) Orpheus, Muſäus ec.

*) Dieſer Satz gehört noch offenbar zu dem bisherigen Raiſonnement desjungen Herrn, welcher die conſequenten Folgen aus der bisherigen Nützlichkeits⸗Moral zieht, d. h. alle möglichen Einwände gegen ſein lüderliches Sündenleben wegdisputiert. Wir fangen daher mit gutem Grunde, im Gegen⸗ ſatze aller Borginger⸗ erſt nach dieſem Satze das neue Kapitel(9) an. Die Conjectur von K. F. Hermann 60%&60υ dꝓνννιονένσꝙοοωσσ iſt zwar ſcharfſinnig, aber unſtatthaft, wie ich ſowohl in der angeführten Recenſion als auch früher in der Aehrenleſe nachgewieſen habe.

*4n) Glauco. 2