Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

Leichtes, bei ſchlechtem Lebenswandel immer unentdeckt zubleiben! Ja freilich, antworten wir junge Herrn hierauf; aber auch ſonſt keines der großen Güter iſt leicht erreichbar! Daher wird man doch, wenn man ein glückliches Leben haben will, den vorhin erwähnten Weg einſchlagen müſſen, wie uns die folgerechte Spur der vorhin gehörten Tugendlehren anleitet. Denn um unentdeckt zu bleiben, können wir erſtens Verſchwörungen und Klubbe bilden; und dann gibt es auch Be⸗ redſamkeits⸗Lehrer, welche für Geld die Volksredners⸗ und Advocaten⸗Weisheit uns eintrichtern. Und mittels dieſer Helfershelfer werden wir manches durch die Schwade tuſchen, manches durch die Fäuſte, ſo wir bei allem ungaechten legeivortheien ohne Strafe durchkommen.

Aber den Göttern kannmn man doch affenbar weder derhargen bleiben noch Gewalt gegen ſie brauchen! Wenn es keine Götter gibt oder ſie um die menſchlichen Angelegenheiten ſich nicht bekämmern, in die ſem Falle brauchen wir uns al ſo auch nicht dar um zu bekümmern, daß wir ihnen mit unſren Handlungen verborgen bleiben; im Falle aber, daß es Götter gibt und ſie um unſre Verhältniſſe ſich bekümmern, ſo haben wir doch unſer Wiſſen und Hören von ihrem Daſein aus keiner andern Quelle, als aus dem Munde der Tugend⸗Prediger und aus den Geſchlechts⸗Regiſtern der Dichter. Aber gerade dieſe ſind es auch, welche predigen, daß die Götter die Eigenſchaft hätten, durch Räuchern, demuthsvolle Ge⸗ lühde und Weihgeſchenke ſich zu andern Gedanken bringen zu laſſen. Dieſen Stimmen muß man entweder beide Nachrichten glauben, oder keine von beiden. Darf man ihnen alſo glauben, ſo darf man auch Ungerechtigkeiten ausüben und braucht nur einen Theil von den ungerechten Gütern zu Opfern zu verwenden.(366) Nämlich als Anhänger der Gerechtigkeit haben wir nichts davon, als daß wir von den Göttern keine Strafe erfahren dafür aber uns des aus Ungerechtigkeit entſpringenden Ge⸗ winnes verluſtig machen; als Anhänger der Ungerechtigkeit dagegen machen wir erſtlich unſern Gewinn, und dann bringen wir durch Erwerbung von Nachlaß die Götter dahin, daß wir auch ohne Strafe davonkommen, wenn wir durchu einen de Beßttrüte und eine Verirrung uns eine aufladen.

Aber doch im Reiche des em ſeitan werden wir für die Unge⸗ rechtigkeiten, welche wir in dieſer Welt begangen haben werden, Strafe leiden müſſen, entweder wir in eigner Perſon, oder unſere Kindeskinder. Aber, mein lieber Freund, wird hier unſer junger Herr in ſeinem Raiſonnement fortfahrend erwidern, da haben wiederum die Weihungen eine große Kraft und die entſündigenden Götter,*) wie ai angeſehenſten Staaten⸗¹)

*) Nach den Erklärern die den Wyſterien Pnn herden Götter: diamſus⸗ ahule Artemis. **) Welche dieſen geheimen Cultus geſetzlich in Schutz nehmen. 1