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Selene und der Muſen, wie ſie ſagen, eine ganze Menge von Schriften herbei, nach welchen ſie ihre Ceremonien verrichten, und beſchwätzen nicht bloß einzelne Menſchen, ſondern ſogar einzelne Staaten, daß es ja Nachlaſſungen und Reinigungen von unge⸗ rechten und laſterhaften Handlungen durch Opferſchmäuſe und Ergötzlichkeit gebe, und zwar nicht nur für noch(365) Lebende, ſondern auch fr Verſtorbene; letztere nennen ſie bekanntlich Weihungen,*) und ſie ſollen uns Nachlaß von den Strafen in jener Welt gewähren; würden wir aber dieſe heigen Seträu he unterlaſſen; ſorn winden uns ſchreckliche Dinge erwarten.
8. In dieſem Tone, mein lieber Sotrates, alſo fuhr er 89) hier fon, und von ſolchen angeſehenen Perſonen ſind die Lehren, welche uͤber das Verhältniß der Tugend und des Laſters zu ihrer bei Gott und den Menſchen bevorſtehenden Belohnungen ge⸗ predigt werden. Wenn nun der Geiſt junger Herrn dieſe alle höret, was müſſen da wohl alle die thun, welche Talent und Geſchicklichkeit genug haben, alle jene moraliſchen Lehren wie im Fluge zu durchſchauen und daraus ſich die Lehre zu ziehen, welche Eigenſchaften man haben und welchen Lebenswandel man befolgen müſſe, um am beſten durch das Leben zu kommen? Es muß ein ſolcher junger Herr ja wohl nach den bekannten Schlußfolgen jene Worte Pindar’'s***) zu ſich ſprechen:„Soll lich das höhere Ziel erklimmen auf dem Wege des Rechts, oder durch Gänge des Trugs“ und unter der Schutzwehr dieſes letztern meine Tage ver⸗ leben? Denn die Dinge einerſeits, welche man mir verheißt, wenn ich zwar wirklich gerecht bin aber es nicht zugleich ſcheine, ſind mir, wie man mich lehrt, durchaus kein Vortheil, ſondern nichts als Beſchwerden und augenſcheinliche Nachtheile; anderer⸗ ſeits aber ſoll ich bei der Ungerechtigkeit, wenn ich von der Gerechtigkeit nur den aͤußern Schein beſitze, ein göttliches Leben haben. Weil demnach der außere Schein von der Gerechtigkeit, wie mir jene geſcheiden Männer †) zu verſtehen geben, uüber die innere Echtheit derſelben geht und die eigentliche Quelle der Glückſeligkeit iſt: ſo muß man natürlich ihn denn ganz unbedingt zum Ziele ſeines Strebens machen. Ich brauche alſo nur vorn und zum äußern Scheine ein Truggewand von Tugend um mich herumzuziehen und kann dann des berans geſcheiden chilochus Tpisbis⸗ ſchen und ſchelmiſchen Fuchs im Rücken haben. K mt.
Jedoch hingegen könnte mir Jemand einwenden⸗ Aber es i ſat gar nichte
*) Wer ſich dieſen der Sage nach von Orpheus und andern heiligen Sehern eingeführten Weihun⸗ gen(1e Aer) andendeni hatte, luuute in der andern 2* eines lücſalgen Lebens chchett iu ſein. 19— 1. II 1119 4 Inſtraf iuom finK. n 3 eh Adimantus. 16 ⁰) gnüft 3 aun uin
***) S. Pindar's Fragm., 232 nach Pöch.
†) Dieſe geſcheiden Männer(60%) ſind wohl hier nicht die Sophiſten, wie Stallbaum
meinte, ſondern die oben erwähnten, die Tugend bloß zurgene der Aulichaet Hrbizerden Dichter, namentlich der im I. Buche erwähnte Simonides.


