Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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Kräften! Stehen aber nun beide auf den beſagten Punkten, ſo iſt es dann drittens, wie ich glaube, gar nicht mehr ſchwer auszuführen, von welcher Beſchaffenheit das Lebensglück iſt, welches beide erwartet. Alſo heraus damit! Und wenn es, wie natürlich, auch etwas gemein, lauten ſollte, ſo glaube nur nicht, Socrates, daß ich meine eigene Ueberzeugung vortrage, ſondern daß ich jg nur die Meinung derer berichte, welche Ungerechtigkeit vor Gerechtigkeit ſtellen. Dieſe äußern ſich hiexüber aber nun folgender Maßen: in der vorhin beſchriebenen Lage würde der Gerechte gepeitſcht, gefoltert, geknebelt, geblendet(362), endlich nach Erduldung aller Martern gekreuziget werden, und dadurch zur Erkenntniß kommen, daß man nicht gerecht zu ſein, ſondern es nur zu ſcheinen trachten müſſe. Und demnach ſeien alſo die Worte des Aeſchylus viel wichtiger von dem Ungerechten zu ſagen. Wirklich nämlich behaupten die Leute, deren Meinung ich hier vortrage, daß der Ungerechte einen reellen Gegen⸗ ſtand durch ſeine Handlungsweiſe verfolge und nicht einen äͤußeren Schein zum Ziele ſeines Lebens mache, daß er nämlich nicht den Schein von ſeiner ngerscfiglät erſtrebe, ſondern das wirkliche Sein derſelben,Re nnnt i nn

Indem die tiefe Furch' des Geiſtes er benutt, Aus welcher ihm die Saat der guten Plane ſproßt. 2

rſiich li könne ir wenn er den Schein des Gerechten dabei haben, die

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er nur Pele und nebſt allen dieſen Vortheilen bereichere er ſich noch durch den Ge⸗ winn. den er ſich d adurch erwirbt, daß er ſich kein Gewiſſen daraus macht, ungerecht zu handeln. Komme er daher nun in Privat⸗ wie in Staats⸗ Angelegenheiten in Proceſſe, ſo trage er den Sieg üͤber ſeine Gegner davon und gewinne; dadurch werde er reich, und durch Reichthum werde er in den Stand geſetzt, ſeinen Freunden wohl zu thun, ſeinen Feinden zu ſchaden, den Göttern auf reiche und prachtvolle Weiſe Opfer und Weihgeſchenke darzubringen, dadurch gegen die Götter und diejenigen Menſchen, deren Freundſchaft er wunſche, viel beſſer ſeine Verehrung zu beweiſen, als der Gerechte, und deswegen müſſe er auch nach allen Gründen der Wahrſcheinlichkeit bei den Göttern in größerer Gunſt ſtehen, als der Gerechte. Alſo wäre nach dieſer Theorie, o Socrates, ſowohl von den Göttern als von den Menſihen dem Unge⸗ rechten ein beſſeres Leben beſchieden, als dem Gerechten. 4

6. Nach dem Vortrage dieſer Einwürfe von Glauco hatte 49*) einmal im Sinne, etwas dagegen vorzutragen, da fuhr aber ſein Bruder Adimantus fort mit den Worten: Du glaubſt doch nicht etwa, Socrates, daß der Vortrag über dieſe Materie vollkommen erſchöpft ſei? Nun, verſetzte ich, was denn noch ſonſt?

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*) Socrates.