Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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Fehler gemacht hat, ſo verſteht er ihn auch wieder gut zu machen. Auf dieſe Weiſe müſſe auch der Ungerechte, wenn er ſeine Schelmenſtücke recht angreife, unentdeckt bleiben, wenn er ein Meiſter der Ungerechtigkeit ſein ſolle. Wer ſich aber erwiſchen laſſe, den müſſe man für einen Pfuſcher darin halten; der höchſte Grad von Unge⸗ rechtigkeit ſei es nämlich, wenn man ſich den Schein des Gerechten gebe, ohne es wirklich zu ſein. Man müſſe daher dem vollkommen Ungerechten auch die höchſte Voll⸗ kommenheit in der Ungerechtigkeit beilegen und ihm nichts davon abziehen, ſondern annehmen, daß er bei Verübung der größten Ungerechtigkeiten den größten Ruf der Gerechtigkeit beſitzt, und wenn er etwa einmal, wie das ſo geht, einen Fehler gemacht hat, denſelben wieder gut zu machen im Stande iſt, daß er nämlich, falls eine von ſeinen ungerechten Handlungen ruchtbar werden ſollte, nicht nur zum Beibringen einer andern Meinung die Gabe der Beredſamkeit beſitzt, ſondern auch, wo es der aͤußern Gewalt bedarf, auch mit Gewalt zum Ziele zu kommen verſteht, ſowohl durch ſeine perſönliche Tapferkeit und faMextiche Stärke als auch durch die Bewiiſchait von Serunden und Vermögen.

Nach Aufſtellung des Muſterbildes von dem Ungerechten laß uns nun auch neben dasſelbe das von dem Gerechten in der Idee daneben ſtellen; er iſt ein ſchlichter, edler Mann, und will, wie Aeſchylus*) ſich ausdrückt, nicht gut ſcheinen, ſondern es ſein. Den Schein davon dürfte er natürlich nicht behalten; denn wenn er den Schein ſeiner Gerechtigkeit behält, ſo wird er eben, wegen des Scheines ſeiner Tugend, Chrenſtellen und Belohnungen empfangen. Sonach würde es dann zweifelhaft ſein, ob er aus reiner Liebe zu der Gerechtigkeit, oder wegen der Belohnungen und Chren⸗ ſtellen ein Gerechter ſei. Er müßte alſo von allem, außer der Gerechtigkeit, entblößt und ganz in die entgegengeſetzte Lage von jener verſetzt werden, in welcher ſich ſein vorhin geſchildertes Gegentheil befindet. Ohne nämlich etwas Unrechtes zu thun, habe er den größten Schein der Ungerechtigkeit, damit er die Probe für ſeine Gerechtigkeit liefere, dadurch nämlich, daß er keine Empfindung für üblen Ruf und deſſen Folgen hat, ſondern unveränderlich feſt bis zum Tode bleibe, mit dem Scheine eines Unge⸗ rechten ſein ganzes Leben lang, in der That aber ein Gerechter. Und wenn nun beide ſo an dem höchſten Punkte ſtehen, der eine an dem der Gerechtigkeit, der andere an dem der Ungerechtigkeit; ſo wird ſich dann die Frage Eutſcheiden laſſen: wer von beiden iſt der Glückſeligſte?

5. Potztauſend, mein liebern Glaueo, enviderte ih wie ſtark ddaliſteſt du da behufs der Entſcheidung der Frage über ihre Glückſeligkeit einen jeden der beiden Charaktere, ganz wie leibhaftige Bilder! Ja, verſetzte er, nach allen meinen In den Sieben vor Theben, in pelben die folgende Beſchreibung von Amphiaraus

gemacht wird. Als dieſe Verſe im Theater zu Athen geſprochen wurden, joll d die ganze Berſammüung auf den Ariſtides geſehen haben. iunn iu, ni 1 1