Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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91.

der Herrſchaft geſetzt.*) Wenn es nun einmal zwei Fingerringe von der hier beſchrie⸗ benen Eigenſchaft gäbe, und den einen der Gerechte, den andern der Ungerechte anlegte: ſo würde dann, wie es auf flacher Hand läge, keiner ſo von Stahl gemacht ſein, daß er bei der Gerechtigkeit bliebe und gern von den fremden Gütern Sinn und Hände ablaſſen wollte, da ihm freiſtände, vom Markte ſurchtlos zu nehmen was er nur wolle, in die Häuſer zu gehen und zu minnen mit wem er nur wolle, Leute zu morden und aus dem Gefängniſſe zu befreien welche er nur wolle, und überhaupt alles zu verüben, indem er unter Menſchen einem Gotte gleich ſei. Bei dieſen Hand⸗ lungen aber würde er gar nichts andres thun, als ſein Gegentheil; ſondern der eine wie der andere ſtrebte nach einem und demſelben Ziele. Und das könnte nun doch jemand als einen großen Beweis hinſtellen, daß niemand gern gerecht ſei, ſondern gezwungen, überzeugt, daß es kein auf ſeine eigene Perſon ſich beziehendes Gut ſei; denn ein jeder, wo er nur glaube die Gewalt zu haben, die Ungerechtigkeit verüben zu können, übe ſie ja auch da aus. Ein jeder Menſch nämlich halte die Ungerechtigkeit ſeiner eignen Perſon für weit vortheilhafter, als die Gerechtigkeit, und er thue recht daran, wie nämlich die Predigt ſolcher Sorte von Weisheit lautet, weil ja jemand, wenn er nach Erlangung der oben beſchriebenen Freiheit, zu thun was er wolle, niemals Unrecht zu thun verlange und ſeine Hände nicht nach den fremden Gütern ſtrecke, denen, die es wahrnehmen, als der allerelendeſte Tropf und Dummkopf vor⸗ kommen müſſe; deſſen ungeachtet würden ſie ihn aber doch öffentlich unter ſich loben, um ſich einander hinter das Licht zu führen, aus Furcht, ſelbſt Türocht angethan zu bekommen. So weit alſo über den zweiten Punkt. 1.

4. Was endlich aber drittens den Hauptpunkt anlangt, nämlich die Entſchei⸗ dung der Frage über den Lebenszuſtand der beiden hier in Rede ſtehenden Menſchen, ſo würden wir dieſe nur gehörig beantworten können, wenn wir das vollendete Muſter⸗ bild von dem Gerechten und das von dem Ungerechten vor uns gegenüberſtellen; anders aber könnten wir es nicht. Wie alſo nun ſoll ſeine Gegenüberſtellung nach dem Sinne jener Leute geſchehen? Alſo: wir dürften weder dem Ungerechten das Geringſte von der Ungerechtigkeit abbrechen, noch dem Gerechten von der Gerechtigkeit; ſondern müßten uns jeden von beiden ganz vollkommen in ſeiner Art vorſtellen. Da müßte denn erſtlich nun der Ungerechte verfahren, wie alle gewaltigen Meiſter in ihrer Kunſt. Der große Meiſter in der Steuermanns⸗ oder Heilkunſt z. B. unterſcheidet das Mög⸗ liche und Unmögliche in ſeinem Gewerbe von einander, und(361) erſteres unter⸗ nimmt, das leb kore unterlaͤßt er; ferner wenn er je auf irgend eine Weiſe einen

*) Ein Gegenſtüc zu der Gyges⸗ Mythe, welche Herodot T 8 ohne eine Zuthat von Zauber⸗ mitteln erzählt, iſt die indiſche im Ramjana und iſt von F. Schlegel in der Epiſode:die Herab⸗ kunft der Ganga, überſetzt. Aehnlich dieſem Ringe iſt der unſichtbar machende Helm des Ares. S. H. D. Müller's Ares, ein Beitr. zur Entwicklungsgeſchichte der gr. Religion. Braunſchweig, 1848.