Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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unter jene, welche man ſowohl wegen ihrer ſelbſt als auch wegen der daraus entſpringenden erſprießlichen Folgen liebt und hoch ſchätzt und ſchätzen muß, wenn man glückſelig werden will. Darunter, erwiderte er, gehört ſie, indeſſen nicht nach der Meinung des großen Publikums, ſondern unter die mühevolle Art von Gut, nach welchem man nur wegen der Belohflungen und wegen der mittels des Scheins von der öffentlichen Meinung zu erlangenden Vortheile trachten müſſe, um in den Augen der Welt ſich ein glänzendes Anſehen zu erwerben, und arelche an und für ſich als etwas gar Widerwärtiges zu fliehen ſei.

2. Ja, erwiderte ich, ich weiß es, daß ſo das große Publikum von ihr dieſe ſaubere Anſicht hat, und auch von Thraſymachus wurde ſie ja ſchon lange als ein ſolches Ding herabgeſetzt, die Ungerechtigkeit dagegen mit Lobſprüchen erhoben;*) deſſen ungeachtet hab' ich meinerſeits bekanntlich für das Faſſen dieſer Moral einen ſehr harten Kopf. Wohlan denn, ſagte er, ſo vernimm nebſt dieſer Stimme auch die meinige, wenn dir es gleichfalls genehm ſein ſollte. Thraſymachus nämlich hat ſich wie ein Drache meines Bedünkens allzufrüh von dem Zauber deines Raiſon⸗ nements einkirren laſſen,**) während eure Erörterung über Gerechtigkeit und Ungerech⸗ tigkeit noch nicht nach meinem Sinne ausgeführt iſt. Denn ich verlange zu hören, erſtlich, worin das Weſen der beiden, der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, beſteht; zweitens, was für eine Wirkung jede von beiden an und für ſich durch ihr Einwohnen in der Seele hat, dabei aber die Belohnungen und überhaupt die aus ihnen entſpringenden Folgen bei Seite zu laſſen. Ich will dabei nun auf folgende Weiſe verfahren, wenn es auch dir genehm ſein ſollte: ich will die Sprache des Thraſymachus wieder erneuern und darnach erſtlich zeigen, was das Weſen und der Urſprung der Gerechtigkeit nach der Ausſage der Leute ſeiz zweitens daß alle, welche ſich ihrer befleißigen, ſie nur ungern als ein nothwendiges lebel, aber nicht als ein Gut ausüben; drittens endlich, daß ſie recht daran thun: denn viel beſſer iſt ja das Leben des Ungerechten als das des Gerechten, wie jene Leute ausſagen; denn meine Anſicht, Socrates, iſt dies ganz und gar nicht. Mein Glaube findet ſich jedoch in der Klemme, wenn ich die Ohren voll bekomme durch Anhörung des Thraſymachus und tauſend Anderer. Dazu kömmt noch, daß ich die Vertheidigungs⸗ gründe der Gerechtigkeit, daß ſie nämlich beſſer als Ungerechtigkeit ſei, noch von keinem ſo vartrgenn gehört habe, wie eauch münſches 1 minaiche lien zbmihn an und büt

*) Ich folge im aülgemeinen dem Tertt des ſel Prof. K. F. Heumanma tabern abite kaun ich nicht mit ihm die Worte d⁶ειeνα d' Eεινννεκννσ für ein manifestum scioli interpolamentum anſehen, Die Rechtfertigung hievon gibt meine Recenſion der Hermann ſchen Ausgabe von Plato 83 ſämmitlichen Werken in der Zeitſchr. für Alterth., 1853, Nr. 70.

**) Nach dem Aberglauben der Alten konnte man Schlangen und dergleichen reclice Thiere durch Zauber unſchädlich machen.