Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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1.(357) Ich*) für meinen Theil nun glaubte nach dieſen Worten eines weiteren Wortkampfes überhoben zu ſein; dies war aber wirklich, wie es ſich zeigte, nichts als ein Vorſpiel geweſen. Denn wie Glauco überhaupt in allen Stücken immer ſehr mannhaft aushält, ſo verfuhr er auch damals und war mit der Vernichtung des Thraſymachus noch nicht zufrieden, ſondern er hob an: O Socrates, willſt du denn uns nur zum Schein, oder in Wahrheit überredet haben, daß gerecht zu ſein unbedingt auf jede Weiſe einem beſſer iſt, als ungerecht zu ſein? In Wahr⸗ heit, antwortete ich, würde ich für meinen Theil vorziehen, wenn es bei mir ſtände. Da thuſt du nicht, was du willſt; denn ſprich mir einmal, was du denkſt auf folgende(drei) Fragen: ſcheint es dir erſtlich von der Art ein Gut zu geben, was wir haben möchten, nicht aus Verlangen nach ſeinen Folgen, ſon⸗ dern aus reiner Liebe zu ihm ſelbſt an und für ſich? So z. B. iſt das Freuen ein Gut und überhaupt alle unſchädlichen Vergnügungen, obgleich einem für die Folge durch ſie nichts erſprießt, als daß man ſich freut, wenn man ſie hat. Ja, verſetzte ich, mir wenigſtens ſcheint es ſo ein Gut zu geben. Ferner, auch eines, welches man ſowohl ſeiner ſelbſt wegen liebt und hoch ſchätzt als auch wegen der daraus entſpringenden Folgen, wie, um wieder ein Beiſpiel anzu⸗ führen, das Sehen mit dem Auge des Verſtandes, das Sehen mit dem Auge des Leibes, das Geſundſein? Denn dieſes und ähnliches Gut hat man doch wohl aus beiderlei Gründen gerne? Ja wohl, antwortete ich. Und kennſt du denn auch eine dritte Art von Gut? Darunter gehören die gymnaſtiſchen Uebungen, der Gebrauch der Heilmittel, wenn man krank iſt, ferner die Ausübung der Heil⸗ kunde ſowie überhaupt eines jeden Gewerbes; denn von dieſen Dingen müſſen wir doch zugeben, daß ſie mit Mühen und Beſchwerden für uns verbunden ſind, wenn ſie uns Vortheil bringen, daß wir ſie nicht ihrer ſelbſt willen annehmlich finden, ſon⸗ dern wegen der Belohnungen dafür und überhaupt wegen der übrigen daraus für uns erſprießlichen Folgen? Ja, ſagte ich, es gibt auch dieſe dritte Art; aber was willſt du denn nun mit dieſer dreifachen Unterſcheidung? Ich frage nun, unter welche dieſer drei Arten von Gütern du jetzt die Gerechtigkeit rechneſt. Ich wenigſtens glaube, daß ſie unter die Art der ſchönſten(358) Güter gehört, nämlich

*) Socrates.