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ſich gelobt zu hören. Am allereheſten aber glaube ich noch es von dir zu vernehmen. Deswegen will ich für das ungerechte Leben eine ausführliche Lobrede vortragen und bei meinem Vortrage dir andeuten, auf welche Weiſe ich dann andererſeits von dir eine gegen die Ungerechtigkeit und eine für die Gerechtigkeit zu hören wünſche. Sieh daher zu, ob dir genehm iſt, was ich hier vorſchlage.— Ja mit allem Willen, antwortete ich, denn über welchen Gegenſtand ſollte ein vernünftiger Menſch, ſei es auch noch ſo oft, lieber ſprechen und ſprechen hören!— Ja das iſt das rechte Wort, verſetzte er; und ſo höre mich denn über den Punkt, worüber ich zuerſt reden wollte, nämlich über das Weſen und den Urſprung der Gerechtigkeit nach der Meinung des großen Publikums.*)
Von Natur, alſo ſagen nämlich jene Leute, ſei das Unrechtthun etwas Gutes und das Unrechtleiden etwas Uebles; aber des Uebels im Unrechtleiden gebe es bei weitem mehr, als des Guten im Unrechtthun; hätten die Menſchen nun einander Unrecht gethan und es auch erlitten und alſo beides verkoſtet: ſo ſcheine dann denjenigen, welche letzteres nicht vermeiden(359) und zu erſterem nicht gelangen könnten, es vor⸗ theilhafter zu ſein, mit einander den eigentlich unnatürlichen Vertrag zu verabreden, daß man kein Unrecht thun und auch keines leiden wolle. Und von der Zeit an nun hätten ſie angefangen, ſich ihre Geſetze und Verträge förmlich abfaſſen zu laſſen, und hätten alſo das von dem Geſetze Beſtimmte geſetzlich und gerecht genannt. Und dies ſei alſo der Urſprung und das Weſen der Gerechtigkeit; ſie ſei nämlich ein Mittelding zwiſchen dem größten Gute, d. h. dem Unrechtthun, ohne dafür Strafe leiden zu brauchen, und zwiſchen dem größten Uebel, d. h. dem Unrecht⸗ leiden, ohne ſich rächen zu können. Und da nun das Gerechte in der Mitte zwiſchen jenen beiden Ertremen liege, ſo verlange man nach ihm nicht wie nach einem wirk⸗ lichen Gut, ſondern wie nach einem Ding, welches nur durch die Ohnmacht, Unrecht thun zu können, ſeinen Werth hat; denn wer dasſelbe nur ausführen könnte und ein Mann im vollen Sinne des Wortes wäre, der werde mit niemanden in der Welt je den Vertrag eingehen, daß er kein Unrecht thun wolle, um dafür auch keines leiden zu brauchen; er müßte ja wahnſinnig ſein. Das und von der Art iſt alſo, o Socrates, erſtlich das eigenthümliche Weſen der Gerechtigkeit und alſo die Quelle be⸗ ſchaffen, aus welcher ſie urſprünglich eniſanden ſei, wie nämlich die Lehre jener Leute lautet.
3. Daß nun auch aokiten. die, ic ſich der Gerechtigkeit aus Ohumacht Unrecht zu thun befleißigen, ſie ungern ausübten, das könnten wir am beſten be⸗ merken, wenn wir in Gedanken folgenden Fall ſetzten: wir ſollten einmal jedem von
*) Ich folge hier der Lesart von Bekker und Schneider. Die Rechtfertigung davon in meiner Aehrenleſe ac. in der Zeitſchr. f. Alterth., 1834, Nr. 107.


