Aufsatz 
Zur Erinnerung an den Denker Friedrich Heinrich Jacobi und seine Weltansicht, gelegentlich seines 120ten Geburtsjahres / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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7) Kant's Glaube, von ihm ſelbſt practiiſche Vernunft genannt, iſt jedoch ſehr zu unter⸗ ſcheiden von dem Jacobi's. Während jener nämlich gleichſam blind im Dunkeln ſitzt und durchaus nicht wiſſenſchaftlich vermittelt werden kann, ſo iſt dieſer ein treuer Führer mit offenen Augen und iſt wiſſenſchaftlich beleuchtbar; jener iſt ein Deus ex machina, bloß vom Egoismus citiert, dieſer die unmittelbare Zuverſicht der Vernunft zu ſich ſelbſt und äußert ſich einerſeits gleichſam im erſten Act der Erwachung als eine dunkele Vorſtellung des verlangten und geſuchten Wahren, ohne welche ein Verlangen und Suchen unmöglich iſt; andrerſeits als unerſchütterliche und alle Wiſſenſchaft an Gewißheit übertreffende Zuverſichtlichkeit, wann nämlich die Ahnung von den höchſten Ideen(Gott, Freiheit u. ſ. w) bereits ſchon wiſſenſchaftlich entwickelt iſt. Denn obgleich er dann von der Wahrheit derſelben ſo gewiß überzeugt iſt, als von ſeinem eigenen Daſein: ſo kennt er ſie doch nur durch Glauben, durch eine über alle Verſtandes⸗Wiſſenſchaft hinausreichende Ueberzeugung, weil er ſie nicht in das Materielle überſetzen kann. Daher iſt der Glaube Jacobi's nicht ein über Ver⸗ ſtand und Vernunft ſchwebendes Vermögen, ſondern die Vernunft ſelbſt von ihrem erſten Erwachen . bis zur möglichſten Stufe ihrer Entwicklung.(Vrgl. Bd. I, Einl. in ſämmtliche phil. Schr., beſonders

. 10 und 55.)

8) Der ſich ſelbſt gewiſſe Geiſt des Menſchen bedarf aber zu ſeinem Selbſtlaute Vernunft, der Mitlaute Natur und Gott, um ſein Daſein auszuſprechen, oder richtiger: er iſt kein reiner Selbſtlaute; mit anderen Worten: des vernünftigen endlichen Weſens Sein, Bewußtſein und Handeln iſt bedingt durch ein doppeltes Außer⸗ihm, eine Natur unter und einen Gott über ihm(Ueber eine Weißagung Lichtenberg's, Bd. III, S. 235; Von den göttlichen Dingen ꝛc., Bd. III, S. 274).

9) Das Wahrſte für die menſchliche Vernunft, und wodurch alles andere Wahre nur Bedeutung erhält, iſt Gott.Das Wahrſte kann nur ſo wahr ſein, als Gott lebet, nur ſo wahr als daß ein Gott im Himmel iſt, d. h. ſelbſtſtändig außer der Natur und über ihr vorhanden, ihr freier Urheber, ihr allweiſer und allgütiger Beherrſcher, ein Vater aller Weſen, mit Vater⸗Sinn und Vater⸗Herz. Wird dem Menſchen dieſer lebendige Gott zu einem bloßen, durch Strahlen⸗ Brechung und Strahlen⸗Sammlung in die menſchliche Gemüthswolke ſich ſtellenden Regenbogen, lernet er ihn erkennen nur als eine pſychologiſche, jener optiſchen ähnliche Täuſchung: dann hat ſeine geſammte Erkenntniß auch ſchon eben dieſen Weg genommen und wird nach derſelben Regen⸗ bogen⸗Theorie ſich immer höher wohl verklären müſſen, bis zuletzt ein allgemeines, aber nun doch offenbares Nichts der Erkenntniß als Siegesbeute dem Epopten bleibt(Ueber eine Weißagung Lichtenberg's, Bd. III, S. 201).

10) Die Natur iſt bei Jacobi gerade wie bei Plato eine nach den einheitlichen Muſterbildern und Geſetzen der göttlichen Vernunft ausgedrückte Mannigfaltigkeit. Und die menſchliche Vernunft iſt durchaus bedürftig der Stütze jener in der Natur ausgedrückten Vernunft, theils um von ihr geweckt und genährt zu werden, theils um ſich an ihr zu orientieren, wenn ſie in Gefahr iſt, von der Phantaſie in ihrem eigenen aber beſchränkten Reiche irre geführt zu werden.*)Wenn

*) Jacobi wie Plato verlangt nur vom Natur⸗Kündiger, daß er mit einem geweihten, heiligen Sinne an die Natur herantrete, wenn er bei Betrachtung derſelben ſeinen Gott und Sinn für alles Göttliche nicht verlieren will.Wie auf dem Angeſichte des Menſchen, ſagt Jacobi a. a. O., S. 204,die verborgene, unſichtbare Seele ſichtbar ſich ausdrückt, hervordringt, unbegreiflich ſich mittheilt und durch die geheimnißvolle Mittheilung Rede und Verſtändniß zuerſt gebiert: ſo drückt auf dem Angeſichte der Natur Gott unmittelbar ſich aus...... Wer Gott nicht ſiehet, für den hat die Natur kein Angeſicht, dem iſt ſie ein vernunftloſes, herzloſes, willenloſes Unding......, eine gräßliche von Ewigkeit zu Ewigkeit nur Schein und Schattenleben brütende Mutter, Nacht, Tod, Vernichtung, Mord und Lüge.