Aufsatz 
Zur Erinnerung an den Denker Friedrich Heinrich Jacobi und seine Weltansicht, gelegentlich seines 120ten Geburtsjahres / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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der Philoſophie entſtanden, gibt er nun über ihr Verhältniß in folgenden Beſtimmungen. Wie es eine ſinnliche Anſchauung gibt, eine Anſchauung durch den Sinn, ſo gibt es auch eine rationale Anſchauung durch die Vernunft. Beide ſtehen als eigentliche Erkenntnißquellen gegenüber, und es läßt ſich eben ſo wenig die letztere aus der erſteren, als die erſtere aus der letztern ableiten. Eben ſo ſtehen beide zu dem Verſtande, und in ſo fern auch zu der Demonſtration, in gleichem Verhältniß. Der ſinnlichen Anſchauung entgegen gilt keine Demonſtration, indem alles Demonſtrieren nur ein Zurückführen des Begriffes auf die ihn bewährende(empiriſche oder reine) ſinnliche An⸗ ſchauung iſt: dieſe iſt in Beziehung auf Natur⸗Erkenntniß das Erſte und das Letzte, das unbe⸗ dingt Geltende, das Abſolute. Aus demſelben Grunde gilt auch keine Demonſtration wider die rationale oder Vernunft⸗Anſchauung, die aus der Natur jenſeitge Gegenſtände zu er⸗ kennen gibt, d. h. ihre Wirklichkeit und Wahrheit uns gewiß macht. Das Wort Vernunft⸗An⸗ ſchauung aber deutet hier nur die Art und Weiſe an, wie dem Verſtande das den Sinnen Unerreichbar in überſchwenglichen Gefühlen(Geiſtes⸗Gefühl, Glauben) allein, und doch als ein wahrhaft Objectives das er keineswegs bloß erdachte zu erkennen geben wird.(Vorrede ac., zugl. Einleitung in ſämmtl. phil. Schr., Bd. II, S. 59, u. Von den Göttlichen Dingen ꝛc., Bei⸗ lage A Bd. III, S. 435 ff.)

5) Dieſer Verſtand, der in gewiſſem Grade auch den Thieren zukömmt, iſt demnach an und für ſich unthätig, ohne Suchen und Verlangen, ohne Bedürfniß und Geſchäft; ſchwebend zwiſchen der Welt der Sinnen⸗Anſchauung und der Vernunft⸗Anſchauung, würde er gerne in ewiger Ruhe verweilen wollen. Aber zuerſt durch das Mannigfaltige der Außenwelt, welches ihm die Sinne beſtändig zuführen und ihn damit überſchütten, wird er gleichſam zur Thätigkeit gezwungen, indem er durch unaufhörliches Gleichſetzen und Verknüpfen jenes Mannigfaltige zu vermindern und zu vereinfachen ſtrebt, um in ſeine beliebte Ruhe wieder zurückzukehren, was aber nicht ganz geſchehen kann, wenn er einmal in Thätigkeit geſetzt worden iſt, weil eine gänzliche Vereinfachung bis zur Vernichtung unmöglich iſt. Durch dieſes Verknüpfen und Vereinfachen bildet er Vorſtellungen ſowie Begriffe und erhält eine Ueberzeugung von der Erxiſtenz der Sinnenwelt, die ihm aber von den Sinnen durch beſtändige und reichliche Berichte aufgedrungen wird. Auf dieſelbe Weiſe benimmt ſich der Verſtand gegen die Anſchauungen der Vernunft, ſobald das Menſchenleben bis zu dieſem Puncte ſich entwickelt hat. Weil aber die meiſten Menſchen ſich nicht zu dem Grade entwickeln, daß ihre Vernunft⸗Anſchauungen ſo reichlich und anhaltend ſind, wie die Sinnen⸗Anſchauungen, und weil ſie ſich nicht in das Materielle überſetzen laſſen, d. h. weil die Vernunft mit dem Ueberſinnlichen nur Gemeinſchaft hat durch Ahnung, durch unſichtliche Geſichte, welche Jacobi auch Gefühle in edlerer Bedeutung nannte: ſo halten die meiſten Menſchen die Vernunft⸗Anſchauungen für weniger gewiß als die Sinnen⸗Anſchauungen, oder glauben gar nicht an ſie.(Ueber eine Weißagung Lichtenberg's, Bd. III, S. 221; Beilage zu: Von den göttl. Dingen ꝛc. III, S. 435; Sendſchreiben an Fichte, III, 32.) 2

6) Demnach muß der Verſtand und das Product ſeiner Thätigkeit, die demonſtrierende Wiſſen⸗ ſchaft, in Bezug auf die nicht durch Sinnen⸗Anſchauung überlieferten Ideen von Gott, der Freiheit und der Unſterblichkeit vollkommen neutral ſein und ſich beſcheiden, daß er ſich eben ſo wenig an⸗ maßen durfe, ihre Realität zu widerlegen, als ſie zu beweiſen. Daher rechnete es Jacobi Kant zum großen Verdienſt an, daß er durch eine ſcheinbare Einſchränkung des Vernunft⸗Gebrauches dieſen in der That erweitert und durch Aufhebung des Wiſſens im Reiche des Ueberſinnlichen einem von Dogmatismus und der Metaphyſik unantaſtbaren Glauben Platz gemacht habe.