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Jacobi; keiner aber hat dieß auch ſo offen und dankbar anerkannt wie er.„So ungefähr,(wie Hamann mit den heiligen Büchern) lieber Bruder“, ſchreibt er in ſeinem Briefe an Schloſſer uͤber deſſen Fortſetzung des platoniſchen Gaſtmales(Bd. IV, S. 66)„geht es mir mit den Schriften der alten Philoſophen, vornehmlich mit Plato; am mehrſten aber mit der Liebe ſelbſt, dem platoniſchen Eros*), dem ich Alles, was Gutes an mir iſt, zu verdanken habe“. Er iſt es daher auch, welcher Das, was der kantiſchen Lehre fehlte, um ein vollkommener Platonismus zu werden, ſah und hinzufügte. Kant durch Jacobi ergänzt, wird daher auch das Bleibende von der Philoſophie Deutſchlands ſein.**) Und wenn der philoſophiſche Geiſt künftiger Jahrhunderte, wie der der früheren, es dereinſt wieder nöthig hat, ſich an den Schriftwerken Plato's zu erholen und zu erwärmen: ſo wird er auch die eines Jacobi nicht vergeſſen.„Man zeige mir“, alſo ſpreche ich mit Jean Paul,(welcher in ſeinem„Komet“ Bd. I ein„Vorkapitel“ überſchreibt: „Jacobi der Dichter und Philoſoph zugleich“)„den zweiten Schriftſteller, deſſen Herz ſo trunken nach Liebe dürſtet und von Liebe überquillt, indeß zu gleicher Zeit ſein Geiſt ſo ſcharf ein⸗ ſchneidet und ſo philoſophiſch die Welt abſchält, und das eigene Herz dazu! So gab uns dieſer unvergeßliche Liebe und Wahrheit auf einmal, und glich dem Magnete, welcher ſowohl an⸗ zieht und trägt, als am Himmel orientiert und zeigt als Kompaß.“— §. 2.
Ein förmliches Syſtem hatbekanntlich Jacobi nicht aufgeſtellt, ſondern ſeine Weltanſicht in einzelen Schriften niedergelgt, welche meiſt durch einzele philoſophiſche Ereigniſſe nach und nach veranlaſſ't wur⸗ den. Einen Abriß jener Weltanſicht verſuchen wir in folgenden wenigen Zügen und Andeutungen.
1) Vor Allem ſuchte Jacobi die Wahrheit zu bekräftigen, daß alle ſpeculativen Philoſophien, welche nichts für wahr annehmen, als was ſie etwa aus einem erſten Grundſatze conſtruieren und vor ſich entſtehen ſehen, ein leeres Weben, ein Weben von Nichts, aus Nichts und zu Nichts ſeien und in ihrer Vollendung nothwendig zum Fatalismus, Atheismus und Nihilismus führen, (Sendſchr. an Fichte, Bd. III, S. 21 ff.)
2) Daß des Menſchen Erkenntniß auf Unvollkommenheit gegründet ſein müſſe, weil es ſein Daſein ſei; daher in ihr jenes Weiſen immer nur von Einem auf ein Anderes ohne Ende. In Gleichniſſen allein ſehe und erkenne der Menſch; das Unvergleichbare ſehe und erkenne er nicht: ſich ſelbſt nicht, den eigenen Geiſt, und ſo auch Gott nicht, den allerhöchſten.(Ileber eine Weißagung Lichtenberg's, Bd. III, S. 233.)
3) Daher muß der Menſch bei allem Philoſophieren von einer ihm inwohnenden Sehnſucht nach einer Erkenntniß ausgehen, die er Erkenntniß des Wahren nennt. Er weiß es, und weiß es nicht. Das womit er es weiß, nennt er ſeine Vernunftz das womit er es nicht weiß, aber es zu erforſchen bemüht iſt, ſeinen Verſtand.(Vorrede zu: David Hume über den Glauben oder Idealismus u. Realismus, zugleich Einleitung in Jacobis ſämmtl. phil. Schr., Bd. II, S. 101.)
4) Um dieſe beiden Erkenntniß⸗Vermögel nicht zu verwechſeln, wodurch faſt alles Unheil in
*) Die platoniſche Philoſophie beruht ganz einfach auf Zweierlei: auf dem Eros, d. b. auf der angebornen Liebe zum Wahren, Guten, Schönen; ſodann auf Methodos, d. h. auf der wiſſenſchaftlichen(logiſchen) Dar⸗ ſtellung des von jener Liebe Geſuchten und Gefundenen.
**) Eine Verbindung der platoniſchen Weltanſicht mit der kantiſchen verſuchte u. a. der rühmlichſt bekannte franzöſiſche Philo⸗ ſoph Victor Couſin, welcher mehr als irgend einer ſeiner Landsmänner die Philoſophie und wiſſenſchaftliche Bildung Deutſchlands kennt und ſchätzt.— Der Verſuch einer ſolchen Verbindung hat bereits auch ſchon den Namen Kanto⸗
platonismus erhalten. 2*


