Aufsatz 
Zur Erinnerung an den Denker Friedrich Heinrich Jacobi und seine Weltansicht, gelegentlich seines 120ten Geburtsjahres / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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öffentlichen Vorträge, die Religion betreffend, es ſei die natürliche oder die geoffenbarte, ſowohl in Vorleſungen als in Schriften, gänzlich enthalten werde. Vrgl. die Vorrede zu Kant's Schrift: Der Streit der Facultäten. Dieſelbe Beſcheidenheit und Vorſicht übten aber ſehr Viele nicht, welche auf des Meiſters Worte geſchworen hatten. Wie es im Bereiche des Wiſſens bald nichts mehr gab, was nicht nach kantiſchen Principien behandelt wurde(ſogar die Metrik!), ſo wurden bald auch alle Glaubenspunkte der bibliſchen Offenbarung vor den Richterſtuhl der kritiſchen Vernunft gezogen. Es entſtand in Deutſchland der heftige Streit zwiſchen Rationalismus und Supernaturalismus(ſtrenge Offenbarungs⸗Gläubigkeit), ſo daß erſterer nicht ſelten in den(alle Religion bloß aus der ratio ableitenden) Naturalismus übergieng. Vrgl. Stäudlin's Geſch. der Rationalismus und Supernaturalismus, Göttingen 1826. Unter den theologiſchen Gegnern griff keiner Kant mit ſo ſcharfen Waffen an, als Herder(17441803) in ſeiner Metakritik, veranlaſſ't durch die Beobachtung verſchrobener Anſichten, welche er als Superintendent zu Weimar bei der Prüfung junger Theologen machte. Gieng nun Herder in ſeinem theologiſchen Eifer auch zu weit, wenn er die Kritik der reinen Vernunft einen transcendentalen Dunſt, ein neb⸗ lichtes Wortgeſpinnſt nannte und ihr Verwirrung der Sprache vorwarf: ſo waren ſeine weiteren Ausſtellungen gegen Kant's Lehre als Syſtem triftig genug, um die überſchwengliche Begeiſterung für dasſelbe zu ſchwächen. Er zeigte namentlich, daß die angebliche neue Entdeckung Kant's, nach welcher die Dinge der äußeren Welt nach den Vorſtellungen des Menſchen ſich richten ſollen, nur im Traume ihre Bewährung finde; daß es nicht die Aufgabe der menſchlichen Vernunft ſein könne, ſich eine ſubjetive Welt zu ſchaffen, ſondern vielmehr die, die Realität einer objectiven anzuer⸗ kennen und zu begreifen. 3

Zweiter Abſchnitt.

§. 1.

F. H. Jacobi.

Unter Kant's philoſophiſchen Gegnern war keiner, welcher ſeine Verdienſte um die Wieder⸗ geburt der Philoſophie einerſeits ſo erkannte, andrerſeits die ſchwachen Seiten der kantiſchen Lehre ſowohl wie der auf ſie folgenden Speculation überhaupt ſo deutlich einſah, als F. H. Jacobi, geb. 1743 zu Duͤſſeldorf, 1819 als Präſident der Akademie der Wiſſenſchaften zu München. Als ver⸗ ſchiedene Denker(Spinoza unter denen der Vergangenheit, Mendelsſohn, Kant, Fichte, Schelling u. a. zu ſeiner Zeit) trotz alles eifrigen Suchens Gefahr liefen das ewig Hohe und Heilige zu verfehlen, war er die Stimme in der Wüſte, welche warnte, ſtrafte und die Menge vor ihren Irrthümern zu bewahren ſuchte. War Kant ein Plato in Bezug auf Kritik und ſeinen alles prüfenden und durchdringenden Verſtand, auf ſein frommes Gemüth, auf ſeinen tiefen Sinn für die überſinnliche Welt und ſeine Liebe für Wahrheit: ſo war Jacobi dem Plato noch verwandter durch die Tiefe und Hoheit ſeiner Gedanken, durch ſeine religiöſe Inbrunſt, durch ſeine ſchöpferiſche Phantaſie, durch ſeinen trotz allem dem die Schwäche jedes glänzenden Raiſonnements erblickenden, ſchneidenden Verſtand, durch ſeine einnehmende und begeiſternde Sprache. Kein Philoſoph der neueren Zeit verdankt Plato Mehr, als