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Wiſſenſchaften nach kantiſchen Principien bearbeitet und gemodelt wurden. Darunter mußten ſich denn natürlich viele Unberufenen finden, die weder Kant noch Reinhold verſtanden, und in deren Häͤnden deßhalb der Kriticismus bald nicht nur in eine geiſtloſe Nachbeterei, ſondern mitunter auch in eine Anmaßung ausartete, von welcher Kant's faſt übergroße Beſcheidenheit ſo fern war, und welche leider bei jedem neu auftauchenden Syſteme ſich ſpäter wiederholte. Derb, aber treffend bemerkte bekanntlich Schiller von jenen kantiſchen Nachbetern im Vergleiche mit dem Meßfene
„Wie doch ein einziger Reicher ſo viele Bettler in Nahrung
„Setzt! Wenn Könige bau'n, haben die Kärner zu thun.“
Von den beſſeren Kantianern müſſen hier wenigſteus zwei erwähnt werden: Fries(1773—1843) und Krug(1770— 1842), von welchen jener in Jena, dieſer in Leipzig thätig war. Beide giengen von der Ueberzeugung aus, daß keine andere Lehre als die kantiſche der Hauptſache nach haltbarer und befriedigender ſei, und haben daher den Kritieismus, um ſeine offenbaren Mängel zu beſeitigen, jeder auf eine eigene Weiſe, modiſiciert, ſo daß er mitten im raſchen Wechſel von auf einander folgen⸗ den Syſtemen noch ſein Anſehen als Syſtem behauptete.
§. 4.
Unter die Wiſſenſchaften, welche von der kantiſchen Philoſophie einen beſonderen Einfluß erfuhren, gehört auch die Theologie*). Dieſe mußte ſich beſonders befreundet fühlen mit einer Philoſophie, die wie keine der menſchlichen Vernunft Demuth anempfahl, und die beim erſten Anſcheine für den Glauben ein ſo großes Feld einräumte, zumal da die durch die wolfiſche Schule erregte Denk⸗ freiheit bereits unter dem Einfluſſe des franzöſiſchen Senſualismus in eine Freidenkerei ausgeartet war, welche namentlich Friedrich Wilhelm II, König von Preußen, bewogen hatte, auf Antrag der in Anſehen ſtehenden Orthodoxie durch ein Religions⸗Edict(1788) und die Niederſetzung einer orthodoren Prüfungs⸗Commiſſion der theologiſchen Candidaten einen Damm entgegenzuſetzen. In⸗ deſſen die Gnade, welche Kant's Lehre Anfangs vor der Orthodoxrie fand, war nicht von Dauer. Ohne ſein Wiſſen wurde ſie die Veranlaſſung zu dem theologiſchen Rationalismus in Deutſch⸗ land, wo er dem Keime nach zwar ſchon vorhanden geweſen war, aber noch der Autorität eines Denkers bedurfte, um in wiſſenſchaftlicher Form aufzutreten und auf Allgemeinheit Anſpruch zu machen. Der Vater der eigentlichen deutſchen Philoſophie ließ die Schrift Religion inner⸗ halb der Grenzen der bloßen Vernunft im Drucke erſcheinen und brachte dem 70jährigen Denker ähnliches wenn auch nicht gleiches Schickſal, wie dem 70. Sokrates, dem eigentlichen Vater der griechiſchen Philoſophie. Unverſtand und Feindſchaft konnte oder wollte nicht unterſcheiden zwiſchen geſundem Denken und ſophiſtiſcher Freidenkerei und veranlaſſ'te bei dem oben erwähnten Könige von Preußen 1794 eine Cabinets⸗Ordre, in welcher er angeklagt wurde, ſeine Philoſophie „zur Entſtellung und Herabwürdigung mancher Haupt⸗ und Grundlehren der hl. Schrift und des Chriſtenthums mißbraucht zu haben“, deßhalb zur„gewiſſenhafteſten Verantwortung“ gezogen und bei Vermeidung der höchſten Ungnade aufgefordert, ſich künftig nichts dergleichen zu Schulden kommen zu laſſen. Der Verfaſſer der Kritik der reinen Vernunft hatte Vernunft und Selbſtverläugnung genug, im Vertrauen auf die von ihm angezündete unauslöſchliche Leuchte in ſeiner Rechtfertigung, „um auch dem mindeſten Verdachte darüber vorzubeugen, es für das Sicherſte zu halten, damit, als Sr. Königlichen Majeſtät getreueſter Unterthan, feierlichſt zu erklären, daß er ſich fernerhin aller
*) Die tatholiſche nicht minder als die proteſtantiſche. Die namhaften kath. Kantianer waren: Damm in Bamberg,
Weber in Dillingen, Emes und Muth in Erfurt, Grafenſtein in Ingolſtadt, Reuß in Würzburg, Schmitt und Koch in Heidelberg, Dorſch und Dietler in Mainz.
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