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ohne Grund philosophorum Homerus oder deus, divinus genannt wird. Aber gerade ſolche Ein⸗ ſeitigkeit war nöthig, um eine Kritik der reinen Vernunft hervorzubringen. Plato's Lehre verliert deßhalb nicht an Werth, weil er ſie ohne eine Kritik des Erkenntniß⸗Vermögens ſchuf, zumal da er als ächter Schüler ſeines Lehrers wußte, was er nicht wußte. Die Sänger der ſ. g. home⸗ riſchen Geſänge ſangen ohne eine Poëtik, und ihre Geſänge ließen ſich, nachdem ſie im Munde der Rhapſoden Jahrhunderte lang ſich erhalten hatten, von den Piſiſtratiden zu einem Ganzen endlich ſchriftlich zuſammenfügen, daß bis auf F. A. Wolf alle Welt glaubte, nur Einer habe den Plan zu dieſem Gedichte gemacht. Aber trotz aller ſeit Ariſtoteles erſonnenen Poëtiken haben wir noch keinen zweiten Homer. Und ſo haben wir trotz der Kritik der reinen Vernunft noch keinen zweiten Plato, und die Syſteme der neueren Zeit bilden nicht das ſchöne, große, poſitive Ganze, wie die griechiſchen.— Was noch eben ſo zum Ruhme Kant's wie zu dem Plato's bemerkt zu werden verdient, iſt, daß Kant auf eigenen Füͤßen ſteht, wo er mit Plato harmoniert; denn das Verſtändniß der plat. Schriften in Deutſchland begann erſt mit dem Todesjahre Kant's(4804) durch Schleiermach er erſchloſſen zu werden*). Das, worin er aber mit Plato übereinſtimmt, iſt das Bleibende ſeiner Lehre; das ſcholaſtiſch wolſiſche Ingrediens iſt das Unhaltbare in derſelben und mußte ihr, ſobald ſie ſich als Syſtem geltend machte, ihren Sturz verurſachen.
Lange dauerte es, bis die Ergebniſſe von Kant's Kritik der reinen Bernunft durch Johann Schultz's(1739— 1805) Erläuterungen verſtanden wurden und durch Leon⸗ hard Reinhold(† 1823) das Anſehen eines neuen Syſtems und Dogmatismus und als ſolcher eine erſtaunliche Celebrität erhielt. Reinhold ſah die große Schwäche der kantiſchen Wiſſenſchaftslehre, wornach nur eine ſubjective Erkenntniß der bloßen Erſcheinungen der Dinge möglich war, ein und ſuchte ihr durch eine neue Theorie des Vorſtellungs⸗ Vermögens(1789) auf⸗ zuhelfen, nach welcher die kantiſche Lehre allerdings eine Modiſication erhielt. Aber der ſteptiſche Verfaſſer des Aeneſidemus, G. E, Schulze(geb. 1761), der zugleich dadurch nicht geringe Veranlaſſung zu Fichte's Idealismus wurde(ſtehe Fichte's Grundlage der geſammten Wiſſenſchaft⸗ lehre S. 100, nach der Ausg. ſämmtl. Werke, Berlin 1845), bewies ihm ganz deutlich, daß die kantiſche Wiſſenſchaftslehre nichts weniger als an Realität dadurch gewinnen könne, ſo daß Reinhold ſelbſt ausdrücklich ſeine Anſicht aufgab. Aber gerade dieſer Streit zwiſchen Reinhold und G. E. Schulze war es, welcher den Enthuſiasmus für die kantiſche Lehre in und außer Deutſchland erregte und ihr die zahlloſe Menge von Anhängern aus allen Wiſſenſchaften erwarb, ſo daß in kurzer Zeit nicht nur alle philoſophiſchen Katheder in Deutſchland von Kantianern beſetzt waren, ſondern auch alle
*) Kant war in den alten Sprachen, beſonders in der lateiniſchen, unter Anleitung Heydenreichs, mehr unterrichtet, als allgemein bekannt iſt. In ſeinen letzten Uniyerſitäts⸗Jahren entſchied er ſich daher auch für das Schul⸗ fach, war lange Privat⸗Lehrer und Hofmeiſter, zuerſt in einem Pfarrhauſe, dann in zwei adlichen Familien, und be⸗ warb ſich auch um eine erledigte Gymnaſial⸗Lehrſtelle, wobei ihm aber zu ſeinem Glück und dem der Wiſſenſchaft ein ganz gewöhnlicher Kopf vorgezogen wurde. Als Profeſſor der Philoſophie las er noch regelmäßig über Pädagogik. Bemerkungen aus den deßf. ſehr ſchätzbaren Vorträgen 1. über phyſiſche, 2. über praktiſche Erziehung ſtehen im IX. B. ſeiner ſämmtl. Werke, von S. 369 an.— Auf den oberen Klaſſen des Gymnaſiums las Kant die lat. Dichter, Philoſophen(beſonders Lucretius de rerum natura), Redner und Geſchichtſchreiber mit zwei andern talentvollen Mitſchülern, David Ruhnken und Martin Cunde, ſo daß er noch in den ſpäteren Jahren ganze Stellen aus jenen lat. Schriftſtellern herſagen konnte. Ruhnken, von dem wir noch einen lateiniſch geſchriebenen und eine nach 30 Jahren der Trennung noch warme Freund⸗ ſchaft verrathenden Brief an Kant beſitzen, ward bekanntlich(in Leiden) der König aller damaligen Philologen in Europa, das Talent Cunde'’s gieng unter in dem Rectorate einer armſeligen Stadtſchule. Im Griechiſchen war Kant's Lehrer der ſpäter als Miſſions⸗Prediger bekannt gewordene Stephan Schulz, Kant ſcheint aber darin weniass ſtark geweſen zu ſein, als im Lateiniſchen, was damals noch in Deutſchland ziemlich allgemein vorraum..


