Aufsatz 
Zur Erinnerung an den Denker Friedrich Heinrich Jacobi und seine Weltansicht, gelegentlich seines 120ten Geburtsjahres / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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ganzes Leben darauf verwandt hat, vor der nie ein Wörtchen von Philoſophie hörenden Menge eigentlich nichts voraus hat! Bei Plato uͤbt der Menſch die Tugend und ſtrebt nach Verwirklichung des erkannten Göttlichen, im Leben wie im Staate, weil darin das Element ſeines Menſchen⸗Lebens beſteht, wie in dem Waſſer das des Fiſches. Nach den Conſequenzen des Kriticismus ſoll und muß der Menſch Tugend üben auf das dunkele Orakel des Imperativs derpractiſchen Ver⸗ nunft, ſoll und muß an Unſterblichkeit glauben, warum? Damit er ſich troͤſte, wenn er bei ſeiner Tugend unterdrückt wird, darbet und blutet, während das Laſter ſchwelgt und triumphiert, damit er in einer andern Welt und in einem andern Leben nach demſelben dunkelen Orakel vor einem gerechteren Richter für die ſinnlichen Güter entſchädigt werde, die er auf Erden darum nicht erhalten und genießen konnte, eih er 5 de wus die L der uhen aufgeladen hatte. Welch eine Tugend! Welch ein Gott!

Man ſteht hieraus, zu welchen Folgen Kant's Lehre als Syſtem führt. Freilich, ihr frommer, biederer Urheber*), der an Liebe für Wahrheit und an Ausdauer bei ſeinem Streben nach derſelben keinem einzigen nachſteht, er wollte dieſe Folgen**) nicht. Sein kritiſcher Verſtand war groß, aber noch größer ſein Herz. Es geht mit Philoſophemen wie mit Kunſtwerken. Mittelmäßige Producte haben nicht leicht einen hervorſtechenden Fehler, und wenn ſie einen haben, ſo beleidigt er nicht ſo ſehr, weil an demſelben Alles fehlerhaft und mangelhaft iſt. Aber je näher das Product der Voll⸗ endung iſt, deſto auffallender iſt das Mangelnde, und deſto mehr wird das Ganze dadurch verun⸗ ſtaltet. Wodurch Kant und bloß durch ihn die neuere Philoſophie, die alte(griechiſche) und ſomit auch Plato übertrifft, das iſt die kritiſche Unterſuchung des menſchlichen Erkenntniß⸗Vermögens, welche die alte Philoſophie eben ſo wenig vor dem Philoſophieren für nöthig hielt, als eine Unter⸗ ſuchung des Geruchs⸗Organs vor dem Riechen. Die Frage, welche von beiden die vorzüglichere ſei, die alte oder die neue, läßt ſich daher nicht unbedingt bejahen oder verneinen. Die Antwort muß auf dieſelbe erfolgen, wie bei Vergleichung der Bildung des griechiſchen Alterthums mit der der Neuzeit überhaupt. Rücken wir Mann gegen Mann, ſo ſtehen die Alten oben; rückt Heer gegen Heer, ſo ſtehen wir, die neue Welt, oben. Kant z. B. gegen Plato geſtellt, erſcheint etwas ein⸗ ſeitig, während Plato alle Vorzüge und Kenntniſſe der antiken Humanität in ſich vereinigt und nicht

*) Kant, der Sohn eines wenig bemittelten, aber mit elf Kindern geſegneten Sattlers, ſtammte beiderſeits aus einer ſtreng religiöſen Familie, wie damals in Königsberg überhaupt der milde Pietismus herrſchte, und wurde ſelbſt ſtreng religiös erzogen. Er äußert ſich darüber alſo:Sie beſaßen das Höchſte, was der Menſch beſitzen kann, jene Ruhe, jene Heiterkeit, jenen inneren Frieden, der durch keine Leidenſchaft beunruhigt wurde. Keine Noth, keine Ver⸗ folgung ſetzte ſie in Mißmuth, keine Streitigkeit war vermögend, ſie zum Zorn und zur Feindſchaft zu reizen. Einer ſeiner mütterlichen Verwandten, Namens Richter, ein Schuhmacher, beſtritt die Studien⸗, die Promotions⸗ und Druck⸗ koſten der erſten(lateiniſch geſchriebenen) Diſſertation(,de igne) von dem ſchon als Jüngling viel verſprechenden Neffen.

**) Kant wollte durch ſein Hauptwerk, Kritik d. r. V., hauptſächlich bewirken: 1) das Aufhören des Wechſels der Syſteme; 2) Feſtſtellung der Schranken der menſchlichen Erkenntniß für alle Zukunft; 3) die unerſchütterliche Ueberzeugung, daß die menſchliche Erkenntnißkraft nicht über die Erfahrung reiche. Aber leider wurden jene Schranken niemals leichter überſchritten, niemals wechſelten die Syſteme ſchneller, und niemals haben die beßeren Köpfe in Deutſchland von der geſunden Erfahrung ſich immer mehr entfernt, als mit dem Erſcheinen der Kritik der r. V., bis endlich die Philoſophie in dem Nichts ihren Urquell fand. Ohne es zu wollen gab alſo die Kritik der r. V. gleichſam das Signal zu allen leidigen Folgen, welchen ihr Verfaſſer vorbeugen wollte. Der Schlüſſel zu dieſer wunderbaren Erſcheinung liegt theils in der ſchwachen Seite der kantiſchen Lehre, ſobald auf ihre Erkenntniß⸗Theorie ein Syſtem gebaut ward, theils in jenen politiſch, ſocial und induſtriell gedrückten Zeiten, in welchen, wie Frau von Staël ſich ausdrückt, die beßeren Köpfe in Deutſchland nichts zu thun hatten, wenn ſie ſich nicht mit dem Weltall abgaben. Vergl. Kant u. die phil. Aufg abe unſerer Zeit, eine Jubeldenkſchrift auf die Kritik der r. V., von Fr. Ed. Veneke, Berlin 1832.