Aufsatz 
Zur Erinnerung an den Denker Friedrich Heinrich Jacobi und seine Weltansicht, gelegentlich seines 120ten Geburtsjahres / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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liche Kluft gettennt, in deren Mitte der menſchliche Verſtand ſchwebt, von beiden Kunde habend, ohne zu einer von beiden wahrhaft zu gelangen, und daher in einen Zuſtand verſetzt wird, wogegen alle Qualen von Tantalus und Siſyphus Spielereien ſind. Treffend bemerkt daher der der kantiſchen Lehre Anfangs zugeneigte, ſpäter aber abgeneigte Fr. Bouterwek, daß Kant zwiſchen Himmel unde Erde ſchwebe und ſowohl dieſe als jenen verloren habez F. H. Jacobi dagegen in einem andern⸗ Bilde, daß bei Kant ſich die Vernunft die Augen ausſteche und dann vctſicherc ſie von ihrer vormaligen Blindheit vortrefflich curiert ſei.

Kant trifft offenbar in ſeinen metaphyſiſchen Anſichten mit Plato zufammene Aber eine gewiſſe allzugroße Aengſtlichkeit vor Myſticismus, welchem er ebenſo wie der ſeichten Aufklärung abgeneigt war, hinderte ihn, mit Plato den letzten Schritt zu thun, nämlich das von ihm auf Befehl des Sittengeſetzes angenommene Ueberſinnliche des Jenſeits ſowohl als des Diesſeits zu verbinden, und zwar nach dem platoniſchen Grundſatze oder lebendigen Glauben, daß die menſchliche Seele theilhaftig ſei einer urſprünglichen Ahnung(Anamneſis oder Erinnerung) ſowohl des jenſeitigen Göttlichen als des diesſeitigen Göttlichen, des Gedachten in den Dingen, d. h. daß die Vernunft als das Vermögen der Ideen objective Gültigkeit beſitze. Es iſt faſt unbegreiflich, wie hinſicht⸗ lich der moraliſchen Praxis Kant jener platoniſchen Anſicht das Wort ſprach und die Unver⸗ ſtändigen, welche ſie von jeher als ein auffallendes Beiſpiel von ſchwärmcriſcher Träumerei hielten, zurechtwies, aber in der ſpeculativen Erkenntniß darin ihm, wie er ſagte, nicht folgen konnte(Kr. d. r. V. S. 313 nach der Ausgabe: Riga 1781). Offenbar war Kant hiernach noch etwas von dem ſcholaſtiſch⸗wolfiſchen Vorurtheile befangen, daß die Vernunft als Erkenntniß⸗ Vermögen ſich bloß auf den Verſtand beſchränke(ſ. unſere Abh. im Progr. 1841:Ueber die Stufen der menſchlichen Erkenntniß§ 56, undGott, Welt und Menſch§ 35), bloß in der Kunſt zu ſchließen beſtehe, alſo bloß formal, ohne allen realen Gehalt ſei, und daß ſie außer oder über dem nur Dichtungen oder Hirngeſpinnſte liefere.Es verbarg ſich ihm aber wunder⸗ barlich, bemerkt ihm auf jenen Einwand gegen Plato Jacobi(Von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung, Bd. III. S. 360 nach der Ausgabe: Leipzig 1812 25),daß in ſeinem Syſteme der Verſtand ebenfalls wahrhafte Erkenntniſſe zu verſchaffen nicht tauge, da alle Verſtandesbegriffe ihre Gültigkeit nur durch die Anſchauung erhalten, die Anſchauung aber von dem Realen gar nichts darſtellt, ſondern nur Vorſtellungen von Erſcheinungen gewährt, d. h. bloße Vorſtellungen, reine oder empiriſch, welche nichts dem Dinge ſelbſt Zukommendes, gar nichts was irgend eine Sache ſelbſt angienge, enthalten oder in ſich antreffen laſſen, in Abſicht deren es darum auch ewig problematiſch bleiben muß, ob ein Object derſelben außer der Vorſtellung, und von ihr unabhängig vorhanden ſei. Und ſo geſchah es, daß Kant's Philo⸗ ſophie durch Unterlaſſung des letztern Schrittes zur vollkommnen Annäherung an Plato jenes himm⸗ liſch heiteren Selbſtvertrauens auf die beſeligende lebendige Wahrheit ſowie jener tiefreligiöſen Beruhigung entbehrt, welche aus der platoniſchen überall hervorſtrahlen. Während bei Plato alles Wiſſen und Erkennen nur das Göttliche, nur(was einerlei mit jenem iſt) das Ethiſche im Leben des Einzelnen wie in dem des Staates zum Ziele hat, und Wiſſen und Tugend ſich wechſel⸗ ſeitig bedingen: ſo iſt nach Kant alles Wiſſen, beim Lichte beſehen, nur ein Spielwerk des menſch⸗ liſchen Verſtandes, um ſich die lange Weile zu vertreiben Denn wozu alles Erkennen, wenn er weder diesſeitig noch jenſeitig das eigentlich Wahre oder Göttliche erkennen, mithin auch nicht zur Richtſchnur ſeines ſittlichen Handelns nehmen kann, ſondern bloß den ſittlichen Imperativ der(blinden) practiſchen Vernunft befolgen muß? Wozu noch Philoſophie, wenn der Philoſoph, nachdem er ſein