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Plato zugewandt, als höchſten Grundſatz aller Syntheſis aufſtellte, daß alle Gegenſtäͤnde, als dem⸗ ſelben Weltganzen der Erfahrung angehörig, folglich auch das ſubjective Ich ſowohl als das dem⸗ ſelben gegenuͤberſtehende Weltganze als zweitheilige Erſcheinung und als Product des einen und ſelbigen An⸗Sich zu achten ſeien.— Alles alſo, was nicht ſinnlich angeſchaut werden kann, ſo⸗ wohl das Weſentliche der zu erkennbaren Dinge, die„Noumena“, als auch das des erkennenden Subjects(die Unſterblichkeit der Seele) ſowie die überſinnlichen Ideen von dem höchſten Real⸗Grunde alles Seienden(Gott) und von der Totalität aller Erſcheinung(Welt),— alle dieſe bisherigen Erkenntnißgegenſtaͤnde könnten durch menſchliches Wiſſen nicht ausgemacht, alſo weder geläugnet noch demonſtriert werden. An dieſe könne und müſſe der Menſch aber glauben auf die Forderungen („Poſtulate“) der practiſchen Vernunft, d. h. auf den„apodictiſchen Imperativ“ des im Menſchen unmittelbar ſich äußernden Sittengeſetzes, welches in ſich widerſprechend und unſinnig wäre, wenn es einerſeits kein hschſtes pergettendes Weſan⸗ ſandrerſeite keine Zeit der Vergeltung, keine Unſterb⸗ lichiett gäbe.
Dieſen Andeutungen des beſteht das s Werdtenſtliche und d Characteriſtiſche der kantiſchen Philo⸗ ſophie in Folgendem:
1) Das Verdienſtliche darin, daß er nebſt der Ervecng der Philoſophie in Deutſchland aus ihrem Todesſchlafe dem ſchon bald nach Descartes begonnenen und durch Wolf voöllig überhandgenommenen Unfuge, mit Regeln des bloß im Bereiche des ſinnlich Anſchaulichen compe⸗ tenten Verſtandes(d. h. der„theoretiſchen Vernunft“), metaphyſiſche oder überſinnliche Gegen⸗ ſtände auszumeſſen und zu demonſtrieren, ein Ende machte, und dem menſchlichen Wiſſen innerhalb des ſinnlich Wahrnehmbaren ſeine Schranken anwies, ohne im Geringſten die Erxiſtenz der überſinnlichen Welt zu läugnen, die Gebißheit Derſelben aber aus dem ſittlich⸗ eigiäen Glauben herleitete.
2) Das Characteriſtiſche dagegen beſteht darin, daß Kant ſebſt die Erkenntniß des ſinnlich Wahrnehmbaren nur eine ſubjective ſein läßt, indem nach ſeiner ausdrücklichen Erklärung die Kategorien bloß ſubjective Richtmaße ſind, welchen die ſinnlichen Erſcheinungen, gleichſam von dem innern Kerne des Gedachten abgeſchält, ſich ſclaviſch, unterwerfen und darnach ſich richten muüſſen.
In dieſer letzten Beziehung war der ſonſt ſo beſcheidene Forſcher auf ſeine Lehre nicht wenig ſtolz und verglich ſich mit Copernicus. Wie dieſer nämlich der Aſtronomie dadurch aufhalf, daß er die vor ihm geltende Anſicht über das Verhältniß der Sonne zur Erde und zu den übrigen Planeten, nach welcher jene um dieſe rollte, umkehrte und die Erde um die Sonne kreiſen ließ: ſo glaubte auch Kant, der damals verfahrenen Philoſophie ihre einzig rechte Bahn gezeigt zu haben, wenn er, auf ähnliche Weiſe die vor ihm in der Philoſophie allgemein geltende Annahme, daß die Vorſtellungen ſich nach den Dingen richteten, umkehrte. Aber dieſe vermeintliche Entdeckung, verglichen mit ſeinem andren Hauptſatze, daß nämlich das menſchliche Wiſſen ſich nur auf das ſinnlich Wahrnehmbare zu beſchränken habe, iſt eben die ſchwache Seite ſeiner Lehre, durch welche das nach dieſer dargeſtellte Verhältniß zwiſchen Gott, der Welt und dem Menſchen ſo zuſammenhangslos erſcheint, wie kaum in einem andern Syſteme. Kant weiß nämlich, daß es einerſeits eine überſinnliche, andrer⸗ ſeits eine ſinnliche und auf einen überſinnlichen Träger(„Noumena“) gegründete Welt gibt, weiß aber auch zugleich, daß man von jener gar nichts, von dieſer nur gleichſam den Schaum, die ſinnlichen Erſcheinungen, und zwar obendrein nur ſubjectiv zu wiſſen vermag, ohne deren Obijectivität verbürgen zu können. Ueberſinnliche und ſinnliche Welt ſind demnach durch eine unend⸗


