Aufsatz 
Verdeutschung und Erklärung des sechsten platonischen Briefes : Probe einer demnächst im Druck erscheinenden Uebersetzung aller dieser Briefe
Entstehung
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Dieſer aller höheren Richtung des menſchlichen Geiſtes, dieſer allem idealen Streben in ſchroffſter Form feindlichſt unter mancherlei Geſtalten entgegen tretende neue Epicureismus muß um ſo be⸗ denklicher erſcheinen, da einerſeits die geſunde Philoſophie augenblicklich machtlos darnieder liegt, und auch die letzten Ausläufe des jüngſt herrſchend geweſenen Philoſophems dem Materialismus und der Deſtruction des idealen Gebietes leider wollend oder nicht wollend in die Hände gearbeitet hatten; da andrerſeits die Naturwiſſeenſchaften in unſerer Zeit vorzugsweiſe die Aufmerkſamkeit des großen Publikums auf ſich gezogen haben, und dieſes Publikum, unvermögend die ernſte Wiſſenſchaft von den Verirrungen der Secten zu unterſcheiden, leicht verleitet werden kann, den von naturwiſſenſchaftlichen Dilettanten undSpaziergängern aufgefriſchten Materialismus mit den edlen Früchten der ächten Naturwiſſenſchaft zu verwechſeln, gerade wie früher auch die wahre Philoſophie(Sokrates) mit der Sophiſtik irrig identificirt worden iſt. Und dieſe Gefahr, den Materialismus mit der ächten Natur⸗ wiſſenſchaft zu verwechſeln, iſt um ſo größer, als das große Publikum früher durch falſche Idealis⸗ men vielfach ſich getäuſcht geſehen hat und daher gegen allen Idealismus überhaupt vielfach einge⸗ nommen erſcheint.

Gegen dieſe im Bereiche des Wiſſens ſich überſtürzende Zeitrichtung, gegen dieſen erneuten Ma⸗ terialismus, der ſchon längſt im Alterthum überwunden war(wie Alle wiſſen, welche in deſſen Weis⸗ heit gehörig eingeweiht worden ſind), hat ſich mit vollem Rechte im Lager des Idealismus und der Tradition eine laute Oppoſition erhoben. Dieſe Oppoſition iſt aber mit Unrecht von Denen, welche zwiſchen den Schlacken und dem reinen Gold der Viſſeenſchaft nicht zu unterſcheiden vermögen, dahin ausgedehnt worden, daß ſie ihre Steine auf die Naturwiſſenſchaft überhaupt werfen, daß ſie dieſelbe als ſolche des Materialismus, der Umkehrung aller ſittlichen und göttlichen Satzungen, namentlich der über Gott und die geiſtige Unſterblichkeit der menſchlichen Seele, anklagen zu müſſen glauben.

Geliebte Jugend! Verehrteſte Anweſende! Wer von Euch mit unparteiiſchem Blicke unſere beſcheidene Thätigkeit in der Lehranſtalt, in welcher wir heute wieder ein Schuljahr beſchließen, wäh⸗ rend eines Menſchenalters zu verfolgen Gelegenheit hatte, der wird uns die Anerkennung wenigſtens nicht verſagen können, daß wir zu allen Zeiten, bei allen jeweiligen Ueberſtürzungen auf dem Gebiete des Wiſſens und Erziehung, obwol nicht ohne mehrſeitige Widerwärtigkeiten, das im Laufe aller Jahr⸗ hunderte ſiegreiche Panier des ächten Idealismus aufrecht zu halten mit redlichem Willen und nach Kräften beſtrebt waren, ſoweit es nämlich dem Schulmanne in ſeiner beſcheidenen Stellung möglich war und geziemte. Ich ſagte: des ächten Idealismus! Woran erkennt man aber die Anhänger und Pfleger des ächten Idealismus? Denn wie bei Allem unter dem Monde das Aechte auch Un⸗ ächtes im Gefolge hat, ſo gab und giebt es auch einen unächten Idealismus, welcher in ſeinen un⸗ fruchtbaren Räſonnements und Abſtractionen von jeher eben ſo nachtheilig war, wie der einſeitigſte Materialismus, deſſen Unkraut nicht blos auf dem Gebiete der Naturwiſſenſchaft, ſondern auch auf andren Feldern wuchert. Der wahre und ächte Jdealismus zu allen Zeiten ſtatuirt ein ewig Seiendes(ö) und ein wandelndes Werden( 5); er erkennt eine Wiſſenſchaft des Geiſtes, weil ſie ſchon in den früheſten Zeiten ein Bedürfniß der edelſten Völker unſeres Geſchlechtes war und iſt, erkennt eine Wiſſenſchaft des Geiſtes, deren immaterielles Princip auf dem menſchlichen Bewußſein und ſeinem Inhalte beruht, und welche, ſo weit ſie vermag, durch ſpeculative Forſchung zur Erkenntniß der ewigen Weltgeſetze zu gelangen und ihr Verhältniß zur höchſten Urſache der Dinge zu ermitteln raſtlos beſtrebt iſt, welche, um es allgemein verſtändlich zu ſagen, von dem Daſein eines heiligen und gerechten Gottes ſowie von der Geiſtigkeit und Unſterblichkeit der menſch⸗ lichen Seele eine unerſchütterliche Ueberzeugung gewonnen hat; daneben erkennt der ächte Idealismus