Aufsatz 
Verdeutschung und Erklärung des sechsten platonischen Briefes : Probe einer demnächst im Druck erscheinenden Uebersetzung aller dieser Briefe
Entstehung
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Nur dieſer Gedanke kann Euch ſchützen und wahren vor den aus einer rohen Zeit herſtammenden Sitten und Gewohnheiten des Univerſitätslebens, Sitten und Gewohnheiten, welche die unſterb⸗ liche Seele verunſtalten und verderben müſſen, an welcher ſie ſich ein Mal wie ein zernagender und drückender Unrath angeſetzt haben. Studierende Jünglinge! Unſerer aus den Trümmern früherer Herrlichkeit noch nicht lange wiederhergeſtellten und noch mit mannigfachen Schwierigkeiten ringenden Lehranſtalt mangelt noch Vieles, deſſen ſich andre reicher dotirten Schweſteranſtalten zu rühmen haben. Ein in ihrer beſonderen Localität gelegener Vorzug unſerer Lehranſtalt iſt es aber, daß im Allgemei⸗ nen die oberen Klaſſen zumal aus einer Art Auswahl von Schülern beſtehen, daß dieſe individuell behandelt und väterlich geleitet werden können in einer kleineren Stadt, von welcher ſich ſagen läßt, was Tacitus vom alten Marſeille als Bildungs⸗ und Erziehungsorte gerühmt hat: locum comitate et provinciali parsimonia mixtum et bene compositum. In dieſer alten und denkwürdigen Vangionenſtadt, wo Bildung und provinciale Sparſamkeit ſich auch noch in glücklicher Miſchung be⸗ finden, habt Ihr bisher, ſtudierende Jünglinge, die Reinheit Eurer Sitten und Eures Gemüthes be⸗ wahrt. Dieſes köſtliche Kleinod unter den Verführungen und böſen Beiſpielen der weiten Welt auch ferner glücklich zu wahren werdet Ihr nur im Stande ſein, wenn Ihr unter den vielfachen heil⸗ ſamen Lehren, welche Ihr in unſerer Schule empfangen habt, auch dieſen Gedanken treulich und in voller Ueberzeugung bewahret, den Gedanken: Wir haben eine unſterbliche Seele! Geliebte Jünglinge! Die Keime einer unſterblichen Seele gehörig zu pflegen und naturgemäß zu entwickeln, es iſt keine leichte Kunſt; ſie erfordert viele Gedult, viele Sorgfalt und Mühe, viele Unverdroſſenheit und Selbſtverläugnung, welche der Laie ſelten anerkennen kann, ſelten will. Sie iſt aber bekannt und ſoll bekannt ſein allen Denen, welche, wie Ihr, eine ſolche Pflege empfangen haben, allen Denen, welche eine feſte Ueberzeugung von der Hoheit und Unſterblichkeit ihrer Seele haben. Darum brauch' ich auch nicht in dieſer letzten Stunde Euch noch beſonders an das Herz zu legen, daß Ihr niemals derer velgeſſet, die nebſt Euren lieben Eltern bis jetzt am meiſten an der Pflege und Entwicklung Eurer unſterblichen Seele gearbeitet haben. Der Undankbare gegen ſeine Lehrer und Wohlthäter iſt der ärgſte Läugner aller Hoheit und Unſterblichkeit der menſchlichen Seele.

Verehrteſte Mitlehrer! In dem eben ſo wichtigen wie mit ſchwerer Verantwortlichkeit verbun⸗ denen Berufe, die zarten Pflänzlinge unſterblicher Seelen ſorglich zu pflegen und gehörig zu entwickeln, haben wir in dieſem Moment wieder einen Abſchnitt, wieder einen Jahresruhepunct gefunden. Das Schifflein unſerer Anſtalt iſt nach einer Jahresfahrt glücklich, ohne Verluſt bei Lehrern wie Schülern, wiederum in den Ruhehafen eingelaufen. Danken wir dafür dem allgütigen und unſterblichen Gotte! Genießen wir nun die kurze Ruhezeit, um mit erneuter Kraft unſeren wichtigen Beruf, unſterbliche Seelen zu entwickeln und zu bilden, wieder fortzuſetzen, in welchem auch uns Nichts mehr ermuntern und halten kann als der ſchon mehrerwähnte lebendige Gedanke:Wir haben unſterbliche Seelen, und von unſeren Seelen hängt durch höhere Fügung das Wohl oder Weh ſo vieler Seelen ab, jetzt ſowol wie auch in der Ewigkeit. Sie wie unſere Jugend ſeien indeß Gott und ſeinem gnädigen Schutze befohlen!.

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