Aufsatz 
Verdeutschung und Erklärung des sechsten platonischen Briefes : Probe einer demnächst im Druck erscheinenden Uebersetzung aller dieser Briefe
Entstehung
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aber auch nicht nur die volle Berechtigung, ſondern auch das gleiche Bedürfniß, das ganze Gebiet des Werdens, wie es in den zwei großen Feldern der Hiſtorie(im weiteren Sinne des Wortes) und Naturwiſſenſchuft vor uns liegt, frei, d. h. nach den allgemein giltigen Denkgeſetzen des menſchlichen Verſtandes, zu durchforſchen, und er(der ächte Adealismus) rühmt und preiſ't die Re⸗ gierungen, welche, wie die unſrige, durch großartige Inſtitute auf der Hoch⸗ wie auf der Mittelſchule und durch entſprechende Unterſtützungen die durch bloße Privatmitteln unmöglich pflegbaren Natur⸗ wiſſenſchaften in den Stand geſetzt hat, auf dem verſtändigen Wege der Beobachtung, d. h. nicht nur mit Urtheilen und Schlüſſen, ſondern auch unter Anerkennung der urſprünglichen Schranken ihres Gebietes, mit erhöhter Thätigkeit im Gebiete des ſicheren Wiſſens weiter vorzudringen, d. h. die dem Werden der körperlich ſichtbaren Schöpfung zu Grunde liegenden ewigen, unwandelbaren und heiligen Geſetze immer mehr zu ermitteln, was einerſeits zur Bereicherung der Wiſſenſchaft des Geiſtes ſelbſt und andrerſeits zur immer größeren Wohlfahrt des Menſchenlebens auf Erden offen⸗ bar führen muß!

Verehrteſte Auweſende! Wenn der Glaube an die Geiſtigkeit und Unſterblichkeit der menſchlichen Seele die Grundlage die ſes Idealismus iſt; wenn dieſer Idealismus gegenüber den Erſcheinungen einer auf dem geiſtigen Gebiete überſtürzenden Zeitrichtung in Gefahr erſcheint; wenn auf der Jugend der höheren Lehranſtalten zumal(welche von jeher wie Wachs gegen gute wie ſchlimme Eindrücke gleich empfänglich zu ſein pflegt) die Hoffnung der Gegenwart wie der Zukunft beruht: ſo glaubten wir nicht nur eine Berechtigung, ſondern auch eine Pflicht zu haben, unſerer Jugend und Umgebung den Glauben an die Unſterblichkeit der menſchlichen Seele, wenn auch nur mit alten Gründen(denn alles Bewährte iſt alt), bei gegebener Gelegenheit wiederholt an das Herz zu legen und ſie alſo vor den Gefahren des in erneuter und daher für die Jugend deſto verführeriſcher Form auftretenden Mate⸗ rialismus zu warnen und zu wahren, von wannen er auch erſcheinen mag!Eure Seele iſt un⸗ ſterblich! Der Zuruf dieſer Wahrheit, richtig verſtanden, kann und ſoll ſein der ſicherſte Talisman für Jung und Alt auf allen Lebensbahnen!

Darum erwartet auch Ihr, ſtudierende Jünglinge, welche Ihr im Begriffe ſteht, mit dem Schluſſe dieſes Schuljahres unſere allgemeine Bildungsanſtalt zu verlaſſen, um nunmehr Eure Berufsbil⸗ dung auf der Hochſchule zu beginnen, erwartet von mir keine längere Abſchiedsrede. Ihr ſtehet das letzte Mal als Schüler hier vor Euren Herrn Lehrern, welche bis jetzt im Vereine mit Euren theu⸗ ren Eltern die unſterbliche Seele in Euch entwickelt und gebildet haben. Jeder Moment auf Erden, in dem Etwas das letzte Mal geſchieht, rührt jedes empfindende Herz und iſt von Bedeutung! Aber ſo ſehr es mich drängt, Euch noch Manches in dieſem letzten Momente zu ſagen, und ſo ſorglich wir auch noch mit unſeren Blicken Eure fernere Bahn begleiten: ich kann Euch im letzten Augenblicke un⸗ ſeres Zuſammenlebens nichts Beſſeres ſagen und zurufen, als: Ihr habt eine unſterbliche Seele! Ihr habt eine unſterbliche Seele! Dieſer Gedanke allein kann und ſoll Euch bewahren vor den Irrgängen und Verführungen im unermeßlichen Gebiete des Wiſſens; denn nicht alles Wiſſen iſt von Heil. Nur das Wiſſen, was Euren unſterblichen Geiſt weckt, nährt, heilt, immer zu größerer Stärke entwickelt, um alle Gefahren des künftigen thätigen Lebens ſiegreich zu überwinden, welche eine unſterbliche Seele unheil und heillos machen können, nur dieſes Wiſſen, nur dieſes habt Ihr auszuwählen, und dieſe glückliche Auswahl zu treffen vermöget Ihr nur im feſten und gründ⸗ lich bewußten Glauben an die Unſterblichkeit Eurer Seele. Ihr habt eine unſterbliche Seele!

9*½