Aufsatz 
Verdeutschung und Erklärung des sechsten platonischen Briefes : Probe einer demnächst im Druck erscheinenden Uebersetzung aller dieser Briefe
Entstehung
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Schlußworte am Ende der vorjährigen öffentlichen Gymnaſial-Prüfung zu Worms. Von Dr. Wilhelm Wiegand, Gymnaſial⸗Director.

Am Schluſſe des Schuljahres pflegte ich bisher unſerer Jugend beim Scheiden noch ein Wort mit auf den Weg zu geben. Dieß Mal ſoll es in dem näheren Aufſchluß beſtehen, warum ich in der herkömmlichen wiſſenſchaftlichen Beigabe des dießjährigen Prüfungs⸗Programmes zu der nun beendeten Prüfung das Thema von der Unſterblichkeit der menſchlichen Seele gewählt habe. Warun die lebensfrohe Jugend mit den ſo ernſten Gedankenüber Tod und Ewigkeit behelligen? Dieſe Frage hat vielleicht mancher von Euch, ſtudierende Jünglinge, mancher von Euren Angehörigen und Freunden aufgeworfen. Obwol die Antwort auf dieſe Frage in den einzelen Variationen über jenes Thema angedeutet liegt: ſo will ich doch dieſen Augen⸗ blick, welcher mir in dieſem Schuliahr die letzte Gelegenheit an Euch zu reden gewährt, nicht un⸗ benützt vorüber gehen laſſen, um etwas ausführlicher noch auf jene Frage zu antworten.

Den Reiferen von Euch, ſtudierende Jugend, iſt bekannt, daß in Folge der Fortſchritte der auf Beobachtung und Erfahrung gebauten Naturwiſſenſchaft, insbeſondere durch die Fortſchritte der Thier⸗ Phyſiologie, die der Menſchheit am nächſten liegende Wiſſenſchaft, die Seelenlehre oder Pſy⸗ chologie, genöthigt worden iſt, ſich mehr, als ſie ſonſt gewohnt war, mit den Naturwiſſeenſchaften abzugeben. Dadurch iſt in unſeren Tagen der uralte und im Laufe der Jahrhunderte ſchon ſehr oft wiederholte Streit zwiſchen den Lehren von Geiſt und Materie mit erneuerter Heftigkeit wiederum ausgebrochen, daß darob in den weiteſten Kreiſen Aufregung und Beſtürzung ſich verbreitet hat.

Diejenigen von Euch, ſtudierende Jünglinge, welche durch die Schul⸗Lectüre mit der Philoſophie der Griechen ſchon nähere Bekanntſchaft gemacht haben, dieſe wiſſen, daß ſchon im ſechsten Jahrhun⸗ dert v. Chr. die ſcharfdenkende Schule der Eleaten die(von Sokrates und Plato mehr ausge⸗ bildete, ſpaͤter von Carteſius erneuerte) Lehre aufſtellte, nur das(geiſtige) Denken ſei, da⸗ gegen das Werden oder die im Werden begriffene Geſtaltung der Natur ſei nicht, ſondern ſcheine nur als Täuſchung und Trug der körperlichen Sinne. Es ſagt dieß nichts Anders als das in bekannteren Worten Enthaltene:Suchet zuerſt das Reich Gottes und ſeine Gerechtigkeit ꝛc.;Suchet Euch Schätze, welche kein Roſt und keine Motten zernagen ꝛc. dieſe uralte und allerſeits bewährte Lehre, in der Gelehrten⸗Sprache Idealismus genannt, wurde von Epicur und ſeinem berüchtigten Anhange im Alterthume und wird wiederum von einer phyſiologiſchen Secte in der Gegenwart ganz umgekehrt! Dieſe phyſiologiſche Secte, nicht ohne eine den wenig oder halb Gebildeten leicht beſtechende Dialektik, ſucht die Welt zu überreden:Nur das Gewordene oder organiſch Geſtaltete ſei und ſei auch nur der menſchlichen Erkenntniß zugäng⸗ lich, jenſeits des Werdens oder jenſeits der concreten Geſtaltungen höre mit der Erkennbarkeit auch das Seiende aufv; jenſeits des Werdens liege nur ein Reich der Phantaſie, der Täuſchung und des pſpchologiſchen Trugs; in dieſes Gebiet gehöre auch alle Philoſophie über ſelbſtſtändige Geiſtigkeit der menſchlichen Seele, der Inhalt der idealen Philoſopheme über Gott und göttliche Dinge, ſowie der hiemit verwandte der bewährten Tradition; ſelbſt das Denken und die Operationen des Verſtandes ſeien materiell; Gedanken und Schlüſſe ſeien nur Secretionen des Gehirns ꝛc. ꝛc.