Aufsatz 
Weiteres Bruchstück aus dem Wegweiser zur Wissenschaft und zum Studium der Hochschule : ueber die Mathematik / Wilhelm Wiegand
Entstehung
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Mathematik Geſagte gilt noch in größerem Maße von der der Chineſen, von welcher wir erſt neulich nähere Kenntniß erlangt haben durch ndas heilige Buch der Rechnung, ſowie durchdie vollſtändige Abhandlung über die Kunſt zu rechnen, wovon das erſere viele 4 v. Chr und die andere vom Jahr 1593 ſtammen ſolll. n n

Kommen wir nach dieſer Epiſode zu den Arabern zurück und derrachern wir nicht Vnun den Umfang ihrer nach griechiſchem Muſter namentlich nach Ariſtoteles eifrig gepflegten mathematiſch⸗ phyſicaliſchen Wiſſenſchaft, als vielmehr die wunderbare Art ihres Einfluſſes zuerſt auf Italien und von da auf die Veränderung der bisherigen Weltanſchauung in dem übrigen chriſtlichen Europa, ſowie die Möglichkeit dieſes Einfluſſes bei ſo großen nationalen und religiöſen Scheidewänden. Ueber dieſe auffallende Erſcheinung haben wir noch nicht hinreichende hiſtoriſche vinicheuſe aber doch beſtämnee Spuren, die uns zur Aufklärung derſelben führen können.

Der Mathematiker Archimedes ſagte zum Könige Hiero: Giebmir einen Bunet worauf ich mich ſtelle, und ich bewege die ganze Erde! Der Punct, womit die alte und mittel⸗ alterliche unrichtige Weltanſchauung aus den Angeln gehoben und dafür eine richtigere und wahre eingehängt wurde, war vorzugsweiſe die klöſterliche Klauſe, in welcher in aller Stille und uner⸗ wartet eine große Anzahl unermüdlich denkender Mathematiker einem Copernicus und Galilei vorge⸗ arbeitet haben. Unvermögend, den griechiſchen Geiſt ganz in ſich aufzunehmen, hatten Araber und Chriſten ſich gleichſam in die Erbſchaft getheilt; wahrend die Araber vorzugsweiſe den mathe⸗ matiſch⸗phyſiſchen Theil ſich angeeignet hatten, ſuchte die Chriſtenheit den ihr verwandteren ethiſchen Theil aufzunehmen und in der ſcholaſtiſchen Philoſophie zu verarbeiten. Da in der Scholaſtik die Forſchung beengt war und oft in Albernheit und Lächerlichkeit ausartete, ſo mußten die denkenden Köpfe in den Klöſtern ſich eben ſo von jenem Treiben abgeſtoßen, wie von der Biſſenſchaft ange⸗ zogen fühlen, zu welcher die Stille ihres Lebens einlud und in welcher ihr Forſchungstrieb keine Ver⸗ ſtöße gegen die Orthodorie zu beſorgen hatte. Daher finden wir, namentlich in Italien, in den Klöſtern eifrige Mathematiker, welche, von ihrem Forſchungsgeiſte getrieben, keine Mittel ver⸗ ſchmähen, ſelbſt den Beſuch arabiſcher Schulen und das Studium arabiſcher Schriften nicht, um den⸗ ſelben zu befriedigen. Im Gegenſatz der geräuſchvoll auftretenden und mit den Gewalten in Conflict gerathenden italiſchen Philoſophie werden jene Klausner die Urheber einer ſtill und langſam, aber dafür auch deſto unwiderſtehlicher wirkenden Aufklärung, welcher die neue Welt das Uebergewicht ihrer Bildung verdankt. Zur Beſtätigung des Geſagten können wir nur eine Thatſache anführen, die aber zu ihrer Zeit wahrſcheinlich nicht vereinzelt da ſtand. Ein Mönch, Namens Gerbert, ge⸗ ſtorben 1003 als Papſt Sylveſter II, ſtudirte im Benedictiner⸗Kloſter zu Fleuri Mathematik, da⸗ ſelbſt aber unbefriedigt, zieht er nach dem von den Arabern eroberten Spanien, von wo er unter andern die arabiſchen Ziffern nach Italien bringt und daſelbſt verbreitet, und mit der Verbreitung dieſer Ziffern, welche vor der erſten Hälfte des 16ten Jahrhunderts in Dennclai nicht algemein vdich werden, entſteht in Europa ein gänzlicher Umſchwung in der Mathematik.

Bis zum Ende des 13ten Jahrhunderts und darüber beſtand die Bemühung der Mathematiker vorzüglich darin, daß ſie durch Ueberſetzungen der mathematiſchen Werke der Griechen und durch Ein⸗ führung der Mathematik der Araber Luſt und Liebe an dieſer Wiſſenſchaft erhielten und verbreiteten. Unter den dadurch verdienten Männern iſt beſonders zu nennen: Adelhard, ein engliſcher Mönch, welcher um das 12te Jahrhundert dem Beiſpiele Gerbert's folgend, der Mathematik wegen nach Spanien geht und nach Boéthius die erſte ſinnige Ueberſetzung von Euklid liefert; Gerard v. Cre⸗ mona, der 1114 1187 den Almageſt des Ptolemaͤus überſetzt; Plato von Tiboli, gegen 1120