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Aus dem Umſtande, daß, wie oben erwähnt, die Bücherſammlung anfangs in der Wohnung des Präceptors aufgeſtellt war, darf man vielleicht den Schluß ziehen, daß dieſer Lehrer damals und auch ſpäter bis zum Jahre 1822 der Verwalter derſelben geweſen iſt. Die Einzelnheiten der Verwaltung laſſen ſich nicht deutlich erkennen, da hierauf bezügliche Dokumente nicht mehr vorhanden ſind. Einen Katalog hat es wohl nicht gegeben.)
II. Aölchnitt. Die Zeit des Beſtandes der Büdinger höheren Schule als Gymnaſium(1822—1881).
Nachdem es im Jahre 1822 den Bemühungen des damaligen Grafen Ernſt Caſimir III.(ſeit 1840 Fürſt Ernſt Caſimir I.) und des ſchon früher erwähnten Kirchenraths Keller gelungen war, die Er⸗ hebung der Büdinger Schule zu einem Heſſiſchen Landesgymnaſium durchzuſetzen, mußte man natürlich auch darnach ſtreben, dieſelbe den übrigen Schweſteranſtalten ebenbürtig zu machen. Dieſes Streben führte zu der Vermehrung der Lehrgegenſtände, der Klaſſen und des Lehrerperſonals. Damit war eine bedeutende Stei⸗ gerung der Anſprüche an die Bibliothek verbunden. Dieſen hätte man ſofort Rechnung tragen müſſen. Das geſchah aber nicht. Man gewährte nur Folgendes: 2 fl., die von jedem eintretenden Schüler einmal, und 24 Kr., die von ſämmtlichen Schülern jährlich zu entrichten waren¹⁰). Hierzu kam wohl noch ein jährliches Fixum, das aber ſehr gering war. Daher war im Jahre 1829, als das Gymnaſium ſchon 7 Jahre beſtanden hatte, die Bücherſammlung in ihrer Entwicklung ſo weit zurückgeblieben war, daß ſie den beſcheidenſten Anſprüchen nicht genügte. Dieſen Nothſtand legte der jüngſte der damaligen 4 ordentlichen Lehrer, Rettig, gelegentlich der Einweihung des Gymnaſialgebäudes offen und ungeſchminkt dar. Da ſeine Worte mutatis mutandis auch heute wieder geſprochen werden könnten, ſo mögen ſie hier folgen.(Nach der Erwähnung der Vorzüge der Schule fährt er fort).„Wir haben deßwegen nicht nöthig, die etwaigen Mängel unſeres Gymnaſiums zu verſchweigen; ja an dem heutigen Tage, wo ſich eine vielleicht nie wie⸗ derkehrende Gelegenheit zur Abhülfe derſelben, durch Ihre geneigte Theilnahme, hohe und verehrte Anwe⸗ ſende, darbietet, hiervon zu reden, ſehe ich als eine Schuld an, die ich der guten Sache und dem Gymna⸗ ſium nicht unentrichtet laſſen will. Zu dieſen Mängeln rechne ich den einer, auch nur mäßigen Anforde⸗ rungen entſprechenden Bibliothek. Ich weiß zwar wohl, daß derſelbe Manchem vielleicht als ein unweſent⸗ licher erſcheinen dürfte, und es iſt freilich einzugeſtehen, daß der Schüler ihn nicht ſo drückend empfindet, als der Lehrer, welchem es um Fortbildung zu thun iſt. Allein auch für den Schüler ſchlage man dieſen Mangel nicht zu gering an. Die Kenntniſſe des Lehrers werden ſeine Kenntniſſe und wie mancher große Mann und Gelehrte hat ſeine Bildung mehr den Büchern als Lehrern zu verdanken! Von Jugend auf mit der großen Bibliothek ſeines Vaters vertraut, umfaßte und durchdrang Leibnitz alle Gebiete der Wiſſenſchaften; Ariſtotoles, unter allen Denkern vielleicht der tiefſte und kenntnißreichſte, wodurch hat er ſich dieſe univerſellen Kenntniſſe erworben, als durch ſeinen unermüdlichen Fleiß im Studiren und im Bücherleſen, was ihm, von ſeinem ehrwürdigen Lehrer Platon den Beinamen des Leſers zuzog? Bücher ſind es alſo, welche den Lehrer erſetzen, den Trieb des Wiſſens zu einer unauslöſchlichen Flamme anregen und befriedigen, da der Lehrer demſelben oft, wenigſtens nicht ſo umfaſſend zu genügen im Stande iſt. Wie ſelten wird auch der Lehrer an Kenntniſſen und Talenten den Männern gleichkommen, welche durch ihre ſchriftlichen Werke ſich als unübertroffene Muſter bei der Nachwelt verewigt haben?
⁵) Vergl. die unten pag. 9 folgenden Angaben aus der Inſtruction für den Bibliothekar, die Keller im Jahre 1822 ausgearbeitet hat.
¹⁰) Vergl.: Keller, das Landesgymnaſium zu Büdingen in einer kurzen Darſtellung nach Zweck und Einrichtung u. ſ. w. Abſchnitt IV.


