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gewöhnlich das Fehlende aus öffentlichen Bibliotheken ergänzt werden kann, als da, wo Lehrer und Schüler auf die Bücherſammlung ihrer Anſtalt allein angewieſen ſind. Auch vergeſſe man nicht, daß Schulbi⸗ bliotheken in kleineren Städten den literariſchen Bedürfniſſen des dort wohnenden gebildeten Publikums einigermaßen Rechnung tragen ſollen. Leider hat man dieſe Geſichtspunkte ſeither in der Regel nicht ſo beachtet, wie ſie es verdienen, ſondern hat ſich bei der Bewilligung der Geldmittel zur Anſchaffung von Büchern viel zu viel nach der Frequenz und den von derſelben mehr oder weniger abhängenden Einnahmen der betr. Schulen gerichtet. Daher iſt in den meiſten Fällen die Entwicklung der Bibliotheken parallel neben der ihrer Anſtalten hergegangen; die Geſchichte dieſer iſt alſo im Weſentlichen auch die Geſchichte jener. Was nun insbeſondere die Bibliothek betrifft, welche der Verfaſſer zur Zeit verwaltet, ſo iſt die Entwicklung derſelben im Ganzen der des Büdinger Gymnaſiums entſprechend geweſen. Es könnte deshalb, nachdem die Geſchichte dieſe Schule in den früheren Direktoren Thudichum²) und Krämerzs) ihre Bearbeiter gefunden hat, überflüſſig erſcheinen, ein größeres Publikum mit Mittheilungen über die Büdinger Gymna⸗ ſialbibliothek zu behelligen. Wenn dieſes dennoch gewagt worden iſt, ſo möge man dieſe Kühnheit mit dem guten Zweck, den der Verfaſſer dabei verfolgt, gütigſt entſchuldigen. Derſelbe hofft nämlich, die offene Darlegung des gegenwärtig in dieſer Sammlung vorhandenen Nothſtandes könne ihr zum Vortheil gereichen. Ferner iſt es vielleicht manchem Leſer erwünſcht, die in den oben citierten Werken von Thudichum, Krämer und Meyer und in Programmen und ſonſtigen Schriften vorhandenen, dieſen Gegenſtand betreffenden Notizen einmal geſammelt und nach Geſichtspunkten, die ſich aus der Natur des Stoffes ergaben, gruppiert zu ſehen. Das Verzeichnis der aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert ſtammenden Bücher dürfte dem einen und anderen Leſer nützlich, allen aber nicht unintereſſant ſein.
Das wichtigſte Ereignis während des mindeſtens 280jährigen Beſtandes der Büdinger höheren Schule iſt unzweifelhaft die im Jahre 1822 erfolgte Erhebung derſelben zu einem Heſſiſchen Landesgym⸗ naſium. Demgemäß zerfällt ihre Geſchichte in zwei Hauptabſchnitte:
I. Die Zeit von ihrer Gründung bis zu ihrer Erhebung zu einem Gymnaſium(1601(bezw. 1543)— 1822)
II. Die Zeit ihres Beſtandes als Gymnaſium(1822— 1881).
Dieſe Eintheilung ſoll auch den folgenden Mittheilungen über die Bibliothek dieſer Anſtalt zu Grunde gelegt werden.
I. Aöſchnitt. Die Zeit von der Gründung der Büdinger höheren Schule bis zur Erhebung derſelben zu einem Gymnaſium.
Während dieſes Zeitraumes bildeten das Lateiniſche und die Religionslehre die hauptſächlichſten Lehrgegenſtände, die griechiſche, deutſche und franzöſiſche Sprache und Literatur, die Geſchichte und Geogra⸗ phie und die Mathematik und die Naturwiſſenſchaften wurden theils weniger beachtet, theils ganz vernach⸗ läſſigt. Der verſchiedene Werth, den man auf die Betreibung der einzelnen Unterrichtsgegenſtände legte, zeigt ſich auch in der Entwicklung des Bücherbeſtandes während dieſer Zeit, um ſo mehr, da die Leiter der Anſtalt während dieſes ganzen Zeitraumes ausſchließlich Theologen waren, die in der Regel auch philolo⸗
²) Geſchichte des Gymnaſiums zu Büdingen ꝛc. von Dr. G. Thudichum. Büdingen, 1832; und Fortſetzung von den Jahren 1832— 1847. Büdingen, 1847..
³) Rückblicke auf die Geſchichte des Gr. Gymnaſiums zu Büdingen während ſeines 50jährigen Beſtandes, von Dr. L. Krämer. Progr. 1872. Man vergl. auch Meyer, Geſchichte der Stadt und Pfarrei Büdingen. Büdingen, 1868.


