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Um jedoch die Begriffe und Begriffsbeziehungen nicht zu verdunkeln, ſie vielmehr noch klarer hervortreten zu laſſen, ſetzte man zu den verkürzten Formen von Neuem Beziehungswörter. So bildete man z. B. im Lateiniſchen den Dativus Sing. durch Anhängung der Pronominalwurzel i, welche in der erſten Deklination mit dem Stammauslaut a in e überging, in der zweiten mit dem ſtammhaften d zu ö ver⸗ ſchmolz, in der dritten, vierten und fünften Deklination unverändert blieb. Das Fran⸗ zöſiſche dagegen knüpfte bei der Bildung dieſes Kaſus an den Gebrauch der lat. Präpoſition ad mit dem Accuſativ an und bildete eine Form, welche aus dem Ac⸗ cuſativ des Subſtantivs und à beſteht. So haben wir im Franzöſiſchen z. B. à mon ami, anknüpfend an das Lateiniſche ad meum amicum, während der entfprechende Dativ im Lateiniſchen ſelbſt meo amico heißt, alſo ohne Präpoſition gebildet iſt. Dieſe Bildungsthätigkeit nennt man die analytiſche. Durch dieſe Entwickelung im Allgemeinen wird indeſſen nicht ausgeſchloſſen, daß, wie dieſes z. B. im Franzöſiſchen geſchehen iſt, auch ſynthetiſche Neubildungen erfolgen konnten.
Oben wurde bemerkt, daß die Fortbildung und Entwickelung der Sprache Hand in Hand gehe mit dem Fortſchritte des geiſtigen Lebens. Außerdem hängt aber die Entwickelung und Fortbildung der Sprache, ſowohl einzelner Menſchen, wie gan⸗ zer Völker, mehr oder weniger von der natürlichen Beſchaffenheit und der Fortbildung der Sprachwerkzeuge ab. Daher iſt die Entwickelung der Sprache weſentlich abhängig von den Naturanlagen, dem Klima, der Umgebung, der Beſchäftigung, den politiſchen Ereigniſſen, dem Handel, Verkehr u. ſ. w. Den Verſchiedenheiten in dieſen Stücken ſtehen in der Sprache Verſchiedenheiten gegenüber, welche man, je nach ihrer Größe, mit den Namen Dialecte, Sprachen und Sprachſtämme bezeichnet. Die früher gemein⸗ ſame Sprache heißt alsdann Mutterſprache, die durch Weiterentwickelung hieraus entſtandenen Sprachen aber werden im Verhältniß zu dieſer, je nach der Verſchiedenheit, Töchter⸗ und Enkel⸗Sprachen u. ſ. w. genannt. Sprachen von relativ gleicher Ver⸗ ſchiedenheit führen den Namen Schweſterſprachen u. ſ. w. Daß dieſe Ausdrücke, ge⸗ nau genommen, nicht zutreffend ſind, liegt auf der Hand, da ja die ſogenannten Töch⸗ ter⸗ und Enkel⸗Sprachen u. ſ. w. nicht als Neugeburten zu betrachten ſind, ſondern als mehr oder weniger bedeutende Veränderungen einer und derſelben Sprache. ¹)
Man könnte nun leicht verleitet werden, anzunehmen, daß alle vorhandenen Sprachen als Fortbildungen einer Urſprache anzuſehen ſeien. Die Richtigkeit dieſer Annahme könnte zugegeben werden, wenn erwieſen wäre, entweder, daß alle Menſchen von einem Menſchenpaare abſtammten, oder, daß alle Sprachen eine große Aehnlich⸗ keit untereinander beſäßen. Aber bis jetzt iſt es weder den vergleichenden Natur⸗ wiſſenſchaften, noch der vergleichenden Sprachwiſſenſchaft gelungen, das erwünſchte
²) V. A. Fuchs: D. R. Sp. i. i. V. z. L. S. 2 ff. Was Fuchs an dieſer Stelle von dem Ver⸗ hältniſſe der romaniſchen Sprachen zum Lateiniſchen ſagt, gilt wohl von allen ſ. g. Töchter⸗ ſprachen im Verhältniſſe zu ihren ſ. g. Mutterſprachen.
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