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Entwickelung fähig iſt, wie der Geiſt ſelbſt, dem ſie dient, ſo lange er Leben und Bewegung hat.“¹) Bei dieſer Fortbildung und Entwickelung zeigt ſich durchgehends das Beſtreben nach möglichſter Vereinfachung und Verſtändlichmachung der Form. Die Form nimmt hierbei in dem Grade ab, in welchem der Inhalt zunimmt. ²)
Man iſt nach den neueſten Forſchungen, wenigſtens für einen großen Theil der Sprachen, berechtigt, anzunehmen, daß in den älteſten Zeiten die Sprachen nur aus einzelnen Wurzeln beſtanden haben, von denen ein Theil dazu diente, die Begriffe zu verſinnlichen, der andere, die Beziehungen der Begriffe untereinander zu bezeichnen. Die Wurzeln der erſten Art, die Grundbeſtandtheile der Begriffswörter, werden in den ariſchen Sprachen, d. i. in den Sprachen der Völker indogermaniſchen oder ari⸗ ſchen Sprachſtammes¹), Nominalwurzeln, die der zweiten Art, die Grundbe⸗ ſtandtheile der Formwörter, Pronominalwurzeln genannt. Dieſe beiden Arten von Wurzeln wurden anfangs wohl neben einander geſtellt, ohne daß ſie mit einander ver⸗ ſchmolzen. In Folge der innigen Beziehungen und des häufigen Gebrauches der neben einander ſtehenden Nominal⸗ und Pronominalwurzeln ſchloſſen ſich jedoch beide ſpäter meiſt zu einem Ganzen zuſammen, welches Begriff und Begriffsbeziehung zugleich enthält. Dieſe neuen durch Zuſammenſetzung entſtandenen Einheiten heißen Wörter. Dieſelben laſſen bei ſcharfer Betrachtung die einzelnen Beſtandtheile gewöhn⸗ lich mehr oder weniger deutlich erkennen, und letztere führen dann die Namen Wurzeln, Stammbildungselemente, Endungen u. ſ. w. Die zuſammenſetzende Bildungsthätigkeit der Sprache nennt man in der Wiſſenſchaft ſynthetiſche Bildungsthätigkeit. Hat dieſe ihren höchſten Grad erreicht, ſo zeigt ſich in der Sprache, und zwar weniger in der anſcheinend ſtillſtehenden, aber ſich doch langſam weiter entwickelnden Schriftſprache, als in der in beſtändigem Fluſſe begriffeneu Volksſprache, das Beſtreben, die Wort⸗ formen durch Abſchleifen der Endungen oder durch Auswerfen einzelner Theile zu kürzen. Nicht ſelten kommt es auch vor, daß ganze Wörter und Wortbildungen untergehen und neue an deren Stelle treten; denn:
Ut silvae foliis pronos mutantur in annos, Prima cadunt: ita verborum vetus interit aetas, Et juvenum ritu florent modo nata vigentque;
und: Multa renascentur quae jam cecidere, cadentque Quae nunc sunt in honore vocabula, si volet usus, Quem penes arbitrium est et jus et norma loquendi. ¹)
¹) V. u. A. Auguſt Fuchs: Die romaniſchen Sprachen in ihrem Verhältniſſe zum Lateiniſchen S 1 und Karl Wilhelm von Humboldt: Ueber die Kawiſprache auf der Inſel Java I. S. 200.
²) Vergleiche u. A. Die Einleitung zu dem deutſchen Wörterbuche von Jakob Grimm und Wil⸗ helm Grimm I. B. Sp. III. u. IV.
³) S. unten S. 6.
¹) Vergleiche Hor. ars poëtica V. 45— 72, beſonders aber V. 60— 62 und 70— 72.


