Aufsatz 
Vergleichende Darstellung der lateinischen und französischen Conjugation
Entstehung
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Einleitung.

Bei Gelegenheit meiner vergleichenden Studien bezüglich der lateiniſchen und⸗ franzöſiſchen Sprache habe ich in den Werken der Grammatiker öfters höhere auf beide Sprachen in gleicher Weiſe paſſende Geſichtspunkte, ſowie conſequente Durchführung derſelben bei der Ordnung des Materials vermißt. Dies veranlaßte mich, von Neuem nachzuforſchen, ob ſich ſolche Geſichtspunkte finden ließen, und zu verſuchen, ob das umfaſſende Material vielleicht unter dieſelben geordnet werden könnte. Ich lege hiermit die Reſultate meiner Forſchungen und Verſuche bezüglich der Conjugation meinen geehrten Leſern vor, indem ich denſelben überlaſſe, zu beurtheilen, ob und inwie⸗ fern ich dem hohen Ziele näher gekommen bin.

Bevor ich jedoch zu der eigentlichen Darſtellung des Verhältniſſes der lateiniſchen zur franzöſiſchen Conjugation komme, will ich einige einleitende Bemerkungen voraus⸗ ſchicken, um auch denjenigen meiner Leſer, welche ſich bis jetzt wenig mit der Vergleichung der lateiniſchen und franzöſiſchen Sprache beſchäftigt haben, das Verſtändniß der nach⸗ ſtehenden Darſtellung zu ermöglichen.

Man hat ſich lange Zeit hindurch über den Begriff der Sprache und deren Ver⸗ hältniß zum Denken hin und her geſtritten und bis auf die neuere Zeit darüber oft ſonderbare Anſichten aufgeſtellt. Es liegt nicht in meiner Abſicht, hier dieſe ver⸗ ſchiedenen Anſichten und deren Gründe darzulegen; ich will mich damit begnügen, mit⸗ zutheilen, daß ſich die bedeutendſten Forſcher jetzt dahin geeinigt haben, daß die Sprache als Aeußerung des Geiſteslebens, als Vermittlerin zwiſchen Innen⸗ und Außenyelt, aufzufaſſen iſt. Das Vermitteln zwiſchen der Innen⸗ und Außenwelt kann nun auf verſchiedene Weiſe geſchehen, entweder durch Bewegungen der Gliedmaßen, oder einzel⸗ ner Theile des Geſichtes, oder auch durch artikulirte Laute. Daher unterſcheidet man Zei⸗ chen⸗, Geberde⸗ und Laut⸗Sprache. Die Laut⸗Sprache, welche man gewöhnlich kurz⸗ weg dieSprache nennt, iſt demnach diejenige Verrichtung der Sprachwerkzeuge, welche das, was im Geiſte vorgeht, durch Lautgebilde verſinnlicht. Die Sprache iſt alſo die Form, das Körperliche, in welche das, was im Geiſte vorgeht, als Inhalt gelegt wird. Daher kommt es, daß die Sprache einerbeſtändigen, ſtillſtandsloſen Fortbildung und

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