Aufsatz 
Dreizehnlinden. Von F. W. Weber. Inhalt und Bemerkungen von B. Werneke
Entstehung
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Oberlehrer Feitel ſagt am Ende ſeiner Studie überDreizehnlinden, deren letzter Teil ſich mit dem germaniſchen Götterglauben beſchäftigt:Da nunDreizehnlinden ſo mannigfache Anregung zum Studium unſerer Mythologie giebt und ein Meiſterwerk von klaſſiſcher Vollendung iſt, in wel⸗ chem ein durchaus chriſtlicher und deutſcher Geiſt weht, ſo ſchließe ich meine Studie mit dem Wunſche, daß dieſelbe dazu beitragen möge, dem herrlichen Epos immer weitere Verbereitung zu verſchaffen, mit dem Wunſche, daß dieſe geniale Schöpfung auch an unſern höhern Schulen Eingang finden und unſerer vaterländiſchen Mythologie einen ehren vollen Platz neben der griechiſchen und römiſchen erringen helfen möge. Gewiß wird jeder deutſche

*) Während des Druckes des vorliegenden Programms erhalte ich eben einen Brief von dem Dichter ſelber, d. d. Haus der Abgeordneten, Berlin, 27. März 1884, worin derſelbe einige an ihn gerichtete Fragen über die äußere Geſchichte des Epos freundlichſt beantwortet. Es werden darin die auf Seite 5 gemachten Mitteilungen über die Entſtehung der Dichtung beſtätigt. Dennoch kann ich mir nicht verſagen, eine Stelle aus dieſem Briefe mitzu teilen, da ſie ſo außerordentlich charakteriſtiſch iſt.

Er ſchreibt mir nämlich u. a.:

Meine mündlichen Mittheilungen haben Sie treu im Gedächtniß behalten. Der erſte Plan zu dem Werke fällt in das Jahr 1874 oder 1875, der ſich nach und nach ausbaute und abrundete. Einzelne Stücke wurden ganz oder theilweiſe aufgeſchrieben vielleicht der zehnte Theil des Ganzen. Am 21. Oktober 1877 wurde der Landtag hier eröffnet. Ich wohnte damals Ritterſtraße Nro. 1. Da entſchloß ich mich, das Ding fertig zu machen undſchrieb, wann ich Luſt hatte, und als ich in die Weihnachtsferien ging, legte ich meiner Tochter das ſäuberlich geſchriebene Manuſcript unter den Chriſtbaum. Wie das alles entſtanden iſt, weiß ich nicht zu ſagen. Mir kam vor, daß es ſo oder doch nicht weit anders ſein müſſe, und da habe ich es ſo gemacht, wie es mir vorkam.

So weit F. W. Weber. In den geſperrt gedruckten Worten haben unſere Schüler den beſten Kommentar zu dem bekannten Worte von Schiller, der von dem Dichter ſagt:

Er ſteht in des größeren Herren Pflicht Und gehorcht der gebietenden Stunde.

Schulmann, der nicht ſein Herz ganz und gar an Hellas und Rom verloren hat, dieſen Wunſch teilen. Zwar ſteht es mit der Kenntnis des german. Götterglaubens nicht ganz mehr ſo ſchlimm als im vorigen Jahrhundert, als Klopſtock einen ver⸗ geblichen Verſuch machte, die Göttergeſtalten Wal⸗ hallas ſtatt des Olymps in ſeinen Oden zu ver werten. In zahlreichen Jugendſchriften ſind neuer⸗ dings mancherlei Mitteilungen aus dieſem Gebiete gemacht, und Wodan und Donar fangen an, für die deutſche Jugend lebensvolle Geſtalten zu werden. Allein es bleibt noch viel zu thun. Iſt aber Dreizehnlinden*) in den Händen jedes Sekun⸗ daners und Primaners, ſo wird deran Wahr⸗ heitsmomenten ſo reiche heidniſch⸗deutſche Götter⸗

Außerdem bemerke ich noch Folgendes. Aus den Worten des Dichters im 25. Geſang:

Doch, was quillt, das muß zu Tage, Und in langen Winternächten

Fuhr ich fort, getroſten Mutes, Einſam Reim an Reim zu flechten.

haben einige Kritiker(z. B. Hülskamp imLiterariſchen Handweiſer) den Schluß gezogen, daß die Formvollendung des Werkes eine Frucht des unverdroſſenſten Feilens und Glättens ſei, daß esſeit Jahren fertig im Pult gelegen habe und unzählige Male zu immer neuer Beſſerung da⸗ raus hervor geholt ſei. Die genauen Zeitangaben des Dichters ſelber zeigen, daß dieſer Schluß ein irriger iſt. Um ſo höher ſteigt aber unſer Staunen über eine ſo vollendete Dichterkraft, die gleich im erſten Wurf in kür⸗ zeſter Zeit ein Werk ſchuf, in dem kein Wort zu viel und zu wenig iſt, und in dem Gedanken und Worte in wun⸗ derbarer Weiſe ſich decken.

Endlich mache ich noch darauf aufmerkſam, daß der Dichter im Winter 1877 in Berlin auf der Ritterſtraße wohnte. In der Nähe dieſer Straße liegen aber Fabriken mit hohen rauchenden Schloten. Da begreifen wir leicht, woher die Stachelreden des Uhus, dieſes Ver⸗ treters des ſelbſtſüchtigen Materialismus, in die waldes⸗ duftige Dichtung gekommen ſind.In Thienhauſen ſchreibe ich keine Verſe, da ſchreibe ich Recepte! ſagte mir der Dichter ſelber, als ich meinte, die ſchöne Lage des Schloſſes Thienhauſen habe wohl dazu beigetragen, den dichteriſchen Genius in ihm zu wecken.