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glaube“ bald ein Gemeingut aller Gebildeten werden. Dem Wunſche des Oberlehrers Feitel ſchließe ich mich alſo vollkommen an.
Allein ich habe noch einen weitern Wunſch: wenn es ſchön für uns Deutſche iſt, von dem ſinn⸗ vollen Götterglauben unſerer heidniſchen Vorfahren richtige und klare Vorſtellungen zu haben, ſo iſt es jedenfalls noch viel ſchöner und wichtiger, von dem Glauben und der Denkweiſe vieler Millionen Zeitgenoſſen und Mitbürger ein richtiges Bild zu beſitzen. Ich muß geſtehen, daß, als ich im J. 1878 das Epos zum erſten Male las, mir der chriſtliche und deutſche Geiſt, der in demſelben weht, außerordentlich ſympathiſch war; an den ſpezifiſch katholiſchen Charakter desſelben dachte ich nicht im mindeſten. Und ich bin überzeugt, daß es vielen unbefangenen katholiſchen Leſern genau ſo ergangen iſt. Der katholiſche Charakter desſelben kam mir erſt zum Bewußtſein, als ich in den Beſprechungen immer wieder den Umſtand betont fand, der Dichter ſei Katholik. Offenbar muß dieſer Umſtand für die andersgläubigen Leſer etwas Befremdendes haben, eben weil das neue Bild ſchlechterdings nicht zu den gewohnten Vorſtellungen paßt. Trägt alſo das Epos dazu bei, der Wahrheit entſprechende Vorſtellungen von katholiſchem Chriſtentum oder überhaupt nur von Chriſtentum zu erwecken, ſo wird dadurch die von Prof. Kleinert(vgl. oben) geahnte Annäherung und Ausgleichung der Gegen⸗ ſätze in weiteſten Kreiſen gefördert: und von dieſer Seite angeſehen erſcheint„Dreizehnlinden“ als ein
Werk von eminent nationaler Bedeutung für das geſamte deutſche Vaterland. Schließlich müſſen wir uns in Deutſchland doch verſtehen und vertragen! Hader und Mißverſtändnis haben lange genug gewährt! Beſitzen wir in„Dreizehnlinden“ ein dichteriſches Meiſterwerk, das die Katholiken als ein echt deutſches und chriſtliches mit Begeiſterung aufnehmen, und das von Seiten der Proteſtanten trotz ſeines durchaus katholiſchen Gepräges mit ungeteilter Anerkennung begrüßt wird, ein Meiſter— werk, dem die„Evangeliſche Kirchenzeitung“ einen „ökumeniſchen Charakter“ nachrühmt, an dem„nicht nur die verſchiedenen Konfeſſionen, ſondern auch alle politiſchen Parteien Deutſchlands ihre herzliche ungetrübte Freude haben mögen“: ſo iſt damit durch die Kunſt ein gemeinſamer Boden geſchaffen, auf dem die oben erwähnte Annäherung der Geiſter und Ausgleichung der Gegenſätze mit Erfolg ge⸗ fördert werden kann.
Und endlich: was den Seelenkampf eines edlen Vertreters des deutſchen Volkes, des ſächſiſchen Heldenjünglings, beſchwichtigt, der an die Grenze zweier weltgeſchichtlichen Zeiträume geſtellt iſt und ſich zum Anſchluß an eine von beiden entſchließen muß: das wird hoffentlich auch in unſerer ſturmbe⸗ wegten Zeit, die ja auch eine Zeit des Überganges, der kämpfenden Gegenſätze iſt, die hadernden Gemüter verſöhnen und der beſſeren Sache den Sieg ver⸗ leihen: und das iſt nichts Geringeres, als die Er⸗ kenntnis der Wahrheit und die Macht der opferfreudigen Liebe.


