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der„wilden Katze“, des Schmiedejungen, der dem Gaugrafen die Ränke und Schliche des Königs⸗ boten entdeckt, gehoben iſt, tritt naturgemäß und folgerichtig die Löſung des Knotens ein: vom Abte getauft, vom Kaiſer freigeſprochen, kehrt Elmar heim und empfängt aus der Hand des Biſchofs die heißgeliebte Hildegunde, des fränkiſchen Grafen Tochter. Und damit iſt der doppelte Gegenſatz Heidentum— Chriſtentum, Frankenſieg— Sachſen⸗ niederlage ausgeglichen und verſöhnt.
Auf die wundervolle Übereinſtimmung der dargeſtellten Scenen mit der Jahreszeit, in die ſie fallen, und auf die tief empfundenen Naturbilder, die der Handlung den Hintergrund geben, mag nur ganz im vorübergehen hingewieſen ſein.
Per aspera ad astra oder auch per crucem ad lucem— durch Nacht zum Licht— ſo könnte man kurz den Gedankengehalt der Dichtung zuſammen faſſen. Dieſe Wahrheit iſt ſo alt wie die Welt⸗ geſchichte, und jeder Menſch findet ſie in dem eigenen Leben und im Leben, das um ihn herum ſich ent— faltet, tauſendfach beſtätigt. Eben weil dieſer all⸗ gemein anerkannte Satz in dem Gedichte in ſo an— ſchaulicher, lichtvoller und liebenswürdiger Weiſe uns entgegentritt, weil die edelſten Tugenden, ins⸗ beſondere Gottvertrauen, Vaterlandsliebe, Treue, Wohlthätigkeit und Dankbarkeit, dem Recht und der Wahrheit den Sieg verleihen ſowohl über alt gewohnten und gern gehegten Irrtum, als über falſche Tücke des Feindes und feige Schwäche der Freunde: eben deswegen wirkt„Dreizehnlinden“ ſo friedlich beruhigend, ſo freundlich verſöhnend auf das Gemüt jedes Leſers, ſo daß ſelbſt die⸗ jenigen, deren Welt⸗ und Lebensanſchauung von der des Dichters völlig verſchieden iſt, dennoch ſich dem Zauber deſſelben nicht entziehen können. Bezeichnend hierfür iſt eine Außerung, die ſich in einer Beſprechung des Gedichtes im„Berliner Tageblatt(1881 Nr. 482) findet:„Der Dichter darf ſich aber eines ehrenvollen und ſchwierigen Sieges rühmen, wenn er mit einem ſolchen Werke in unſerer Zeit einen Erfolg erringen und auch
den minder frommen Leſer zu erbauen vermochte. Über alle politiſchen und religiöſen Bedenken hinweg, welche dieſes Buch von der großen Mehrheit des deutſchen Volkes trennen, muß die poetiſche Kraft und reine Empfindung dieſes echten Dichters aner⸗ kannt werden, dem vielleicht auch ohne das Opfer eines mittelalterigen Denkens eine ehrenvolle Stelle in unſerer Literaturgeſchichte eingeräumt werden wird.“
Es iſt zehn gegen eins zu wetten, daß dieſe Sätze der Feder eines jener glaubensbaren, dem modernen Zeitgeiſt huldigenden Tagesſchriftſteller entſtammen, die in einem großen Teile der deutſchen Preſſe das Wort führen. Das beweiſt ſchon die Selbſtgefälligkeit, mit der der Schreiber ſich zu den „minder frommen Leſern“ rechnet und die Anmaß⸗ lichkeit, mit der er ſich ohne weiteres als den Ver— treter„der großen Mehrheit des deutſchen Volkes“ hinſtellt. Es wäre in der That kläglich mit der Zukunft des deutſchen Volkes beſtellt, wenn ein deutſcher Dichter, um von ihm ehrenvoll anerkannt zu werden,„das Opfer eines mittelalterigen— d. h. echt chriſtlichen und echt deutſchen— Denkens“ bringen müßte. Allein trotz der Unverfrorenheit, mit der der Recenſent ſeine unchriſtliche und un— deutſche Weltanſchauung zur Schau trägt und dieſe obendrein ſogar auch der großen Mehrheit des deutſchen Volkes aufoctroyiert, geſteht er dennoch ein, durch das Werk„erbaut“ zu ſein. Das Wort „erbauen“ iſt in dem Munde eines ſolchen Kritikers bedeutſam. Denn„Erbauung“ bezeichnet jene frie⸗ densſelige, weihevolle, andächtige Stimmung, in die uns nur ein Meiſterwerk von vollendeter Formen⸗ ſchönheit und reichſtem Gedankeninhalt verſetzen kann, in welchem alle Mißklänge in wundervolle Harmonie aufgelöſt ſind. Und wenn ſelbſt ein Mann, der ganz und gar der ſogenannten modernen Weltanſchauung huldigt, ſich von dieſem Werke erbaut fühlt, ſo wird ſicherlich das deutſche Volk, welches gewiß ſeiner Mehrheit nach noch chriſtlich und deutſch geſinnt iſt, noch lange ſeine herzliche Freude an ihm haben und ſich an ihm erquicken.
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