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„Menſchenbruſt, wohl biſt du tiefer Als des Berges tiefſte Schlünde; Menſchenherz, wohl rätſelhafter Biſt du als die Meerabgründe.
Und Gedanken, lichte, dunkle, Raſtlos wie die Waſſerwelle,
Geh'n bis mitten in den Himmel, Geh'n bis mitten in die Hölle.“
Wir bemerken leicht, daß die beiden letzten Verſe weit leichter und weicher ſind als die vor⸗ hergehenden, weil im dritten Trochäus eine halb⸗ tonige Silbe ſteht. Die beiden vorhergehenden Verſe klingen infolge der Pauſe, die hinter„Ge⸗ danken“ und„Raſtlos“ eintritt, ganz trochäiſch, während die Strophe vorher in der 1. und 3. Zeile durch den Einſchnitt hinter„Menſchenbruſt“ und „Menſchenherz“ in der zweiten Hälfte jambiſchen Charakter erhält.
Eine große Rolle ſpielt im ganzen Gedichte der Stabreim. Da die Handlung desſelben in das neunte Jahrhundert fällt, alſo in jene Zeit, wo in allen germaniſchen Ländern die Dichter den Stabreim anwandten, wo im Weſtfalenlande jenes wunderbar herrliche Lied vom Leben des Heilandes, „der Heliand,“ und im fernen Norden die klang— vollen ſtahlharten Lieder der„Edda“ in ſtab⸗ reimender Form gedichtet wurden, ſo gewinnt„Drei⸗ zehnlinden“ durch die ganz meiſterhafte Verwendung der Alliteration das Gepräge der damaligen Zeit und des Landes, auf deſſen Boden ſich die Hand⸗ lung abſpielt. Dabei verfährt der Dichter nicht willkürlich in der Wahl der Konſonanten, ſondern dieſe ſchließen ſich in der Regel rückſichtlich der Härte oder Weichheit dem Charakter der eben dar⸗ geſtellten Handlung oder Empfindung harmoniſch an. Wie weich klingen z. B. die Laute in dem Gebete, mit dem Hildegunde vom Waldesrande her den ſcheidenden Geliebten begleitet:
Dann, die Hände hochgehoben
Sang ſie leiſe:„Selig fahre,
Der da fährt, des Herzens ſtiller
Trautgeſell ſeit manchem Jahre!
Wo er walle, wo er wohne,
Weile Friede, wie da weilte,
Da die Reine das geneſen,
Der der Welt die Wunden heilte.“
Dagegen die miühſelige Arbeit, welche die Mönche bei der Erziehung und dem Unterricht der jungen Sachſen finden, tönt uns vernehmlich in folgender Strophe entgegen:
„Traun, da gab es viel zu rupfen,
Viel zu zähmen und zu zanken,
Viel zu zerren und zu zupfen
An den ungezogenen Ranken.
Auf den braunen Eichenbänken
Saß die Brut der Sachſenrecken,
Junge Bären, Rieſenarbeit
War's, ſie bildend zu belecken.“
Der Satzbau iſt, mag die Sprache auch noch ſo ſchwungvoll ſein, dennoch von anmutiger und volkstümlicher Einfachheit. In der Regel enthält jede Strophe einen in ſich abgeſchloſſenen Gedanken, ſo daß ſie ein Ganzes für ſich bildet. Kommt eine längere Gedankenreihe zum Ausdruck, ſo bildet jede Strophe ein beſonderes Glied, welches in ſich ab⸗ gerundet iſt. Wo der Dichter die Verdienſte der Mönche um die Erhaltung der griechiſchen und rö⸗ miſchen Literatur durch fleißiges Abſchreiben der Handſchriften ſchildert, heißt es:
„Weht dir aus des Mäoniden
Sängen, wie aus Meeresrauſchen,
Tiefes unerkanntes Sehnen,
Das dich zwingt zum Weiterlauſchen;
Mahnt der Zorn des letzten Römers,
Gott und Vaterland zu ehren,
Drängt er, vor dem Bild des Laſters
Dich der Tugend anzuſchwören;
Strömt dir aus dem Buch der Bücher
Kraft und Troſt im Kampfgewühle,
Wie dem matten Wüſtenwaller
Labung aus des Palmwalds Kühle:
Sei gedenk der wetterfeſten
Lanzenknechte, der Konvente,
Sei gedenk der ſchwarzen Krieger
Auf dem weißen Pergamente!“—


