— 10—
in die Lohe wirft. Endlich iſt der Heiltrank fertig und wird von der Drude dem Mönch übergeben. Seine Bitte aber, ihm von ihrem reichen Wiſſen etwas mitzuteilen, ſchlägt ſie entſchieden ab.
„Beim Nähen und Weben“ heißt der 16. Geſang: wir lernen das Leben und Treiben kennen, wie es ſich an den langen Winter⸗ abenden auf Bodinkthorpe, dem Hofe des fränkiſchen Grafen entwickelt, die Handarbeiten der Mägde und Knechte, ihre Unterhaltungen, ihre Neckereien und Zänkereien. Man arbeitet an den Sachen, die an dem bevorſtehenden Weihnachtsfeſte an die Inſaſſen des Hofes verſchenkt werden ſollen. Hilde— gunde, die waltende Herrin, verſpricht, auch den armen Schmiedejungen Eggi,„die wilde Katze“, nicht zu vergeſſen, zu deſſen Gunſten Imma und die kecke Aiga ſich verwenden, während die fränkiſche Zofe Doda ihren Abſcheu vor dieſem„elbiſchen Weſen“ nicht verbirgt.
In den drei folgenden Geſängen:„Des Priors Lehrſprüche“(17.),„Hildegundens Trauer“ (18.), und„Elmar im Kloſtergarten“(19.) ſcheint die Erzählung zu ſtocken: Die Lehrſprüche ſind, wie der Name ſchon ſagt, ganz didaktiſcher Natur; ſie bilden eine Art von Apologie des Chriſtentums und enthalten alles, was ein bereits zum Chriſtentum übergetretener Sachſe im 9. Jahrh. zu einem noch heidniſchen Sachſen zu Gunſten des Chriſtentums ſagen konnte.„Hildegundens Trauer“ dagegen iſt durchaus lyriſch; es ſind tiefempfundene, ge⸗ dankenvolle Lieder der Klage um den ſpurlos ver⸗ ſchwundenen Geliebten, zart, doch nicht weichlich, trübe und ſchmerzvoll, doch nicht verzweifelnd und hoffnungslos.„Elmar im Kloſtergarten“ endlich ſchildert die Zweifel und Kämpfe, die im Herzen Elmars, der endlich nach langem Siechtum wieder geneſen iſt, ſich erheben. Nicht bloß die weiſen Lehrſprüche des Priors, ſondern auch die milde ſelbſtloſe Pflege, die die frommen Mönche dem Geächteten und Verbannten den langen Winter hindurch gewährten, haben in ihm Zweifel an der Richtigkeit des alten Heidenglaubens und Teilnahme
für die milden Lehren des Chriſtentums wachge⸗ rufen. Namentlich iſt es auch der Gedanke an Hildegunde, welcher ſeinen Vorſatz, in die weite Welt zu ziehen, wankend macht.
Allein wenn auch der Gang der äußeren Be— gebenheiten ſtockt, ſo entfaltet ſich das innere Leben um ſo reicher und voller. Nach des Dichters Idee bilden„des Priors Lehrſprüche“ den Kern, den Höhepunkt des Epos, und der 19. Geſang iſt die Ergänzung dazu, indem er die Wirkung derſelben auf Elmars Gemüt darſtellt. Dieſe beiden Geſänge rechtfertigen auch den Namen des Epos:„Drei⸗ zehnlinden“ heißt es und nicht etwa„Elmar“. Denn wenngleich Elmar es iſt, um deſſen Schickſal es ſich in der Dichtung handelt, ſo iſt er doch mehr der leidende Teil; die handelnden Perſonen, d. h. diejenigen, die die Haupthandlung des Epos, die Bekehrung des trotzigen Heiden zum Chriſtentum und die Verſöhnung des ſchwergekränkten und über⸗ wundenen Sachſen mit den ſiegreichen und macht— bewußten Franken zu Wege bringen, ſind eben die frommen Mönche des Kloſters„Dreizehnlinden“. Da indeſſen Elmar dabei doch nicht ganz unthätig iſt, vielmehr mit der ihm erflehten Gnade Gottes aus freiem Entſchluß mitwirken muß, um mit dem alten Glauben endgültig zu brechen, ſo haben wir immer— hin ein Recht, ihn den Helden des Epos zu nennen.
Der 20. Geſang„Zwei Frauen“ berichtet von dem Gange, den Hildegunde ſchweren Herzens zur Felſenhöhle der„weiſen Waldfrau“ macht, von der ſie irgend welche Auskunft über Elmar zu erhalten hofft. Ihre zagende Angſt, daß die düſtere Heidin das Chriſtenmädchen rauh zurückweiſen werde, er⸗ weiſt ſich als unbegründet. Swanahild, die ſeit hundert Wintern viel gelitten und erkannt hat, daß „Dulderſinn Frauenſache iſt“, heißt ſie freundlich willkommen und giebt ihr gute Hoffnungen:
„Wenn der Ginſter blüht am Raine,
Wenn die Roſe glüht im Garten,
Wird ein Frankenmädchen lächeln,
Doch in Thränen.— Kannſt du warten?“
Die greiſe Drude giebt die heidniſche Sache


