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II.
Die Regel, welche Ariſtoteles in ſeiner Poetik für die Handlung des Dramas anfſtellt, nämlich, daß ſie ihrer Größe nach wohl zu überſehen (5σιννοιπινο) ſein müſſe, gilt ohne Zweifel auch für die in einem Epos dargeſtellte Handlung. Auch der„Sang von Dreizehnlinden“ hat an derſelben feſtgehalten. Das Ganze iſt leicht zu überſchauen und wohl gegliedert. Es zerfällt in 25 Abteilungen, die wir füglich Geſänge nennen können, und jeder Geſang hat vom Dichter eine ſeinem Inhalt ent⸗ ſprechende Überſchrift erhalten.
Es iſt nun unſere Aufgabe, den Gang der Handlung in überſichtlicher Weiſe darzulegen.
Der 1. Geſang:„Aus dem Nethegau“ bildet die Einleitung, eine Art poetiſcher Vorrede. Er ſchildert die Entſtehung des Gedichtes: Der Dichter „gehorcht der gebietenden Stunde“; dann folgt der Hauptinhalt in großen Zügen, insbeſondere
„Eines Sachſenjünglings Kämpfe Mit dem Landesfeind, dem Franken, Und in eigner Bruſt die ſchwerſten Mit den eigenen Gedanken.“
Darauf die Widmung an die Landsleute des Dichters, die Weſtfalen, die wie der Held des Epos„zäh, doch bildſam, herb, doch ehrlich“ ſind und in jenem gern den Stammgenoſſen erkennen; endlich die höhnende Warnung des„Uhus“, des treffenden Sinnbildes des heutigen Zeitgeiſtes, dem das Klingen des Goldes beſſer dünkt als„das Leiern und das Klimpern“ des Dichters.
Der 2. Geſang„Das Kloſter“ führt uns das Schaffen und Wirken der Mönche des neu ge⸗ gründeten Kloſters Dreizehnlinden vor, mit welchem Namen der Dichter das unter Ludwig dem Frommen um das Jahr 622 gegründete Corvei bei Höxter an der Weſer bezeichnet. Die Verdienſte der biedern Kloſterinſaſſen um die Urbarmachung des Bodens, um Ackerbau und Gartenpflege, insbeſondere aber um die Ausbreitung des Chriſtentums und die Erhaltung der Schriftdenkmale des klaſſiſchen Alter⸗ tums werden in gebührender Weiſe geprieſen. Der
Inhalt des Geſanges iſt ſchildernd und lyriſch; die Schilderung paßt, wenn wir von den Namen abſehen, auf die im Beginn des Mittelalters auf deutſchem Boden gegründeten Klöſter überhaupt, die von der unbefangenen Geſchichtsforſchung längſt als die erſten und dauerhafteſten Stützen der höheren Kultur im alten Deutſchland bezeichnet und aner— kannt worden ſind.
Der 3. Geſang„Auf dem Habichtshofe“ enthält 4 Abteilungen. Die erſte ſchildert uns, wie Elmar, Herr vom Habichtshofe, der Hauptheld des Epos, von der Jagd zurückkehrt; er hat einen gewaltigen Bären erlegt, deſſen Fell er dem fränkiſchen Grafen auf Bodinkthorpe zu ſenden beabſichtigt; ſeine Worte verraten ſchon hier ein tieferes In⸗ tereſſe für des Grafen Tochter. Die zweite Abteilung erzählt die Jugendgeſchichte Elmars: nach dem Tode ſeines Vaters, dem der Gram um die verlorene Freiheit der Sachſen das Leben raubte, war er in Friesland bei einem erfahrenen heidniſchen Prieſter erzogen und hatte hier die ſiegreichen Franken und den Chriſtengott ingrimmig haſſen gelernt; dann als Jüngling ſich an den Raubzügen der Nor⸗ mannen(Wikingsfahrten) gegen die Franken be⸗ teiligt, bis der Tod der Mutter ihn heimrief. Die dritte Abteilung führt uns Elmar in ſeinem träumeriſchen Brüten vor; in ſeinem Innern herrſcht ein tiefer Zwieſpalt, der ihm den Seelenfrieden raubt; eine vorbereitete Jagd will er nicht mitmachen; denn
„Schon zu viel des Streits! Im Hader
Bin ich mit dem fremden Gotte, Mit den Fremden, und am meiſten Mit mir ſelbſt, mir ſelbſt zum Spotte.“
Dieſe Strophe enthält den Grundgedanken der Dichtung, die Gegenſätze, die in ihr auf einander platzen und mit einander ringen: Heidentum und Chriſtentum, Sachſenfreiheit und Frankenherrſchaft. Dieſe Gegenſätze empfindet Elmar um ſo tiefer und ſchneidender, da er, der heidniſche Sachſe, ein chriſt⸗ liches Frankenmädchen, die Tochter des im Nethe⸗ gau waltenden Grafen liebt. In ſeinem quälenden


