Aufsatz 
Dreizehnlinden. Von F. W. Weber. Inhalt und Bemerkungen von B. Werneke
Entstehung
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nicht bloß zum Leſen, ſondern zum eingehenden Studium zu empfehlen.

Wenn es nun wahr iſt, was Lautenbacher in der oben angeführten Stelle ſagt, daßmancher gebildete Proteſtant über den Katholicismus faſt noch ärger und beſchränkter urteilt, als der kropfigſte Tiroler über einen nordiſchen Ketzer, ſo kann manchen Proteſtanten vielleicht der Umſtand zu einem unbefangeneren Urteil über Katholicismus und was damit zuſammenhängt verhelfen, daß mitten in der Zeit des heftigſten parlamentariſchen Kampfes von einem Mitgliede des Centrums und zwar in Berlin ſelbſt das EposDreizehnlinden gedichtet iſt, eine Dichtung, welche ein unverfälſchtes, nach dem Leben gezeichnetes Bild des Katholicismus darbietet und dabei eine ſo verſöhnende Milde und anerkennende Duldung der ſcharfen Gegenſätze dar ſtellt, daß auch nicht der leiſeſte Mißton den Leſer jemals ſtört. Der Dichter nämlich, Sanitätsrat Dr. F. W. Weber(geb. 26. Dez. 1813 zu Al⸗ hauſen in Weſtfalen, nach abſolvierten Studien Brunnenarzt zu Driburg, ſpäter zu Lippſpringe, ſeit 1867 auf Schloß Thienhauſen bei Steinheim wohnend, vom Jahr 1861 ab Mitglied des Hauſes der Abgeordneten) kam, wie er mir ſelbſt erzählte, im J. 1875 auf den Gedanken, den Seelenkampf eines noch heidniſchen edlen Sachſen, der mit weſt fäliſcher Zähigkeit an dem von ſeinen Vätern über⸗ kommenen Heidenglauben hängt und doch den milden Lehren des Chriſtentums und der opferfreudigen Liebe ſeiner Bekenner ſeine Achtung nicht verſagen kann, poetiſch darzuſtellen. Nachdem der Verfaſſer 2 Jahre lang ſich mit dieſer Idee getragen und Stoff und Form ſich zurecht gelegt hatte, iſt das Werk während ſeines Aufenthaltes in Berlin in den Wintermonaten 187778 raſch niedergeſchrieben und bereits im September 1878 veröffentlicht worden. (Nebenbei bemerkt ſei, daß der Erfolg ein faſt beiſpielloſer war; in den beiden folgenden Jahren erſchienen je 3 neue Auflagen, in den folgenden ſogar je 4!)

Wenn manche Leſer durch WebersDreizehn⸗

linden zu richtigeren Vorſtellungen über Katholicis⸗ mus kommen und auch nur einige von ihren Vor⸗ urteilen fahren laſſen, ſo iſt dadurch doch einiges zur Verſöhnung der hadernden Geiſter in unſerem Vaterlande geſchehen, und ein ſolches Friedens⸗ werk zu fördern, dazu ſollen auch die folgenden Blätter dienen. Es wird manchem ehrlichen Deutſchen vielleicht eben ſo ſchwer werden, als dem Helden des Epos, ſich von ſeinen in früher Jugend ge⸗ wonnenen Vorſtellungen frei zu machen. Allein wer nur guten Willens iſt und wie Elmar die Augen offen hält, dem wird es wohl gelingen, dies und jenes Vorurteil abzuſtreifen.

Prof. Paul Kleinert ſagt in ſeiner Gedächt⸗ nisrede auf Luther, die er 9. Nov. 1883 an der Berliner Univerſität gehalten hat:Wer ſich ge⸗ wöhnt hat, die Dinge nicht nach augenblicklichen Eindrücken, ſondern nach ihrer innern Kraft zu wägen: er mag hoffen und Zeichen gewahren, daß dieſer ſo begonnene Streit(über die Geſchichte der Reformation und die Bedeutung Luthers), durch ſein eigenes Schwergewicht ſich reinigend, einer unvermeidlichen Annäherung und Ausgleichung der Gegenſätze zuſtrebe, und daß der Wiſſenſchaft, wie ſie an der Wiege der Reformation ſtand, ſo auch beſchieden ſein darf, einen Kirchenfrieden herbeizu⸗ führen, gegründet auf gegenſeitige Gerechtigkeit, erworben in gemeinſamer Arbeit an der Wahrheit. Was Prof. Kleinert hier von der aufrichtig nach Wahrheit ſtrebenden Wiſſenſchaft erwartet: An⸗ näherung und Ausgleichung der Gegenſätze und einen gerechten Kirchenfrieden: dazu kann auch die Poeſie beitragen, wenn ſie Werke von ſo ſieghafter Kraft, von ſo ergreifender Lebenswahrheit und verſöhnender Milde bietet, wie WebersDreizehn⸗ linden. Wiſſenſchaft und Kunſt haben unſtreitig die gleiche Aufgabe, nicht bloß zum Glanz, ſondern auch zum Glück des Vaterlandes beizutragen.

Gehen wir nach dieſen einleitenden Bemerkungen zu dem Gedichte ſelbſt über.