Aufsatz 
Dreizehnlinden. Von F. W. Weber. Inhalt und Bemerkungen von B. Werneke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Literaturzeitungen und hinſichtlich dieſer mag er recht haben. Jedenfalls aber giebt es noch weite Kreiſe, in denen das treffliche Epos noch vollkommen unbekannt iſt.

Auch unter meinen Fachgenoſſen, die den deutſchen und den geſchichtlichen Unterricht in den oberen Klaſſen des Gymnaſiums zu erteilen haben, werden ſich noch manche finden, dieDreizehnlinden noch nicht kennen. Freilich hat Herr Oberlehrer Feitel in dem Programm der Realſchule zu Caſſel für das Schuljahr 188283 eine höchſt leſenswertelite⸗ rariſche Studie darüber veröffentlicht; allein dies Programm mag von manchen Kollegen gerade ſo überſehen ſein, wie von mir ſelber im Anfang; erſt vor einigen Wochen fiel es mir in die Hände.

Nun beabſichtige ich durchaus nicht etwa in erſchöpfender Weiſe die Dichtung zu behandeln. Was ich bezwecke iſt zunächſt in gleicher Weiſe wie Oberlehrer Feitel die Aufmerkſamkeit ſolcher Leſer darauf hinzulenken, die dieſelbe bis jetzt noch gar nicht kennen, zumal die Kollegen, die im Deutſchen und in der Geſchichte unterrichten. Je länger ich mich nämlich mit dem Gedichte beſchäftige, deſto mehr drängt ſich mir der Gedanke auf, daß es wie wenig andere Dichterwerke ſich nicht blos zur Pri⸗ vatlektüre für die ſtudierende Jugend, ſondern ge radezu zur Klaſſenlektüre in Sekunda reſp. Prima eignet. Das Werk bekundet die genaueſte und treueſte Kenntnis der deutſchen Vorzeit, der heid⸗ niſchen ſowohl wie der erſten chriſtlichen; es führt uns in das Denken und Fühlen, in das Leben und Treiben unſerer Vorfahren im 9. Jahrhundert mit einer ſo plaſtiſchen Anſchaulichkeit ein, wie es ſelbſt ein muſterhaftes Geſchichtswerk nicht in gleicher Weiſe zu thun vermöchte. Sobald Verfaſſer und Verleger ſich entſchließen, eine billige Schulausgabe vonDreizehnlinden zu beſchaffen, haben wir mindeſtens die Gymnaſien des weſtlichen Deutſch⸗ lands ein Schulbuch für Deutſch und Geſchichte, wie es nicht ſchöner gedacht werden kann. Dabei iſt das Gedicht ſo reich an den ſchönſten und tiefſten Gedanken, daß es eine wahre Schatzkammer prak

tiſcher chriſtlicher Lebensweisheit iſt, die eine herr⸗ liche Mitgabe für das ſpätere Leben ein wahres rijuœ sic det bildet. Es müßte ein Hoch⸗

genuß ſein, Tacitus Germania und Webers Drei⸗

zehnlinden neben einander zu leſen: Die beiden Werke ergänzen ſich auf das trefflichſte und er⸗ klären ſich gegenſeitig.

Was ſodann den katholiſchen Charakter der Dichtung betrifft, den H. Lautenbacher in den oben angeführten Worten hervorhebt, ſo braucht dieſer keinen Andersgläubigen abzuſchrecken. Deutſchland war ja während des ganzen Mittelalters katholiſch und alle Dichtungen, die ſich auf dieſe Zeit be ziehen, müſſen notwendig, falls überhaupt von religiöſen Dingen darin die Rede iſt, mehr oder weniger katholiſchen Charakter tragen, gerade wie z. B. Homers Ilias die Anſchauungen der trojaniſchen Zeit ſchildert. Wer nimmt denn Anſtoß daran? Übrigens zeigt auch die oben angeführte Sammlung von Kritiken der Dichtung, daß nicht etwa alle Proteſtanten ſich davor bekreuzt haben, wie Herr Lautenbacher es nennt. So ſagt z. B. dieNeue Preuß.(Kreuz⸗) Zeitung, die doch gewiß echt pro⸗ teſtantiſch iſt(1879):Es iſt im eigentlichen Sinne ein chriſtlich germaniſches Gedicht und zwar edelſter Art, womit uns der katholiſche Verfaſſer beſchenkt hat, eine Dichtung an welcher alle Konfeſſionen und alle politiſchen Parteien des Vaterlandes ſich gleicher⸗ maßen erfreuen können. Und in dem proteſtant. Theologiſchen Literaturblatt(1882 Nro. 32) heißt es:Ein Dichter von Gottes Gnaden iſt der Verfaſſer dieſer ſchönen Dichtung. Der Verfaſſer iſt Katholik, aber einer von jenen, in denen das bekannte Wort Geſtalt gewonnen hat: In necessa- riis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas. Darum glauben wir, daß eine Beſprechung und ſetzen wir gleich hinzu, eine Empfehlung von Dreizehnlinden auch in dieſem Blatte nicht un ſtatthaft iſt. Ahnlich ſprechen ſich andere proteſtan⸗ tiſche Kritiker aus.

Darauf hin darf ich es denn auch wohl mir geſtatten, die vortreffliche Dichtung weiteren Kreiſen