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wollen, was Wahrheit ist. Dabei aber hatte er nicht den Hochmut jener Vernunfteiferer, die das Volk nur zur Zeit von Wahlagitationen als eine chrenwerte Masse preisen, denen aber im übrigen die Religion zwar gut genug für das Volk, die Philosophie aber eine Sache der Ge- bildeten ist. Er wusste von seinen Griechen her, dass die Bildung in der Seele des Volkes wurzelt, und sah daher die wahre Bildung nicht in der in Abstraktionen sich verlierenden Entfernung von dem Volksbewusstsein, sondern in der umfassenden, selbstbewussten und klaren Erfassung und Bethätigung der darin enthaltenen Ideen und Ideale. Einem aus Not und Elend sich siegreich emporrettenden Kind des Volkes, einem Faust'schen Gretchen, schrieb er daher mehr sittliche Hoheit zu, als einem Faust selbst, der in UÜberschätzung von Vernunft und Selbstgewissheit masslos alle Schranken der Vernunft zersprengt. Nicht das Bekenntnis, nicht ob einer religiös oder philosophisch erscheinen wollte, sondern die That, die Art, wie der Einzelne im sozialen Leben sein Bekennen und Wollen bethätigte, war ihm der Wertmesser des Menschen.
Zimmermann, der selbst eine verkörperte Pflichttreue war, musste sich von Kant, dem Begründer der Philosophie der Pflicht und Sittlichkeit, mächtig angezogen fühlen; aber doch stand er auf dem Boden derer, die in der Kritik der reinen Vernunft, deren Resultat ist, man könne nicht wissen, ob Gott, Freihcit, Unsterblichkeit sind oder nicht sind, Kants geringeres Verdienst erblicken, gegenüber seinen Arbeiten im Gebiet der praktischen Philosophie, die sofort mit der Anerkennung beginnen, dass nur unter der Voraussetzung von Gott, Freiheit, Unsterb- lichkeit ein sittlich soziales Leben möglich sei. Für Zimmermann war diese Notwendigkeit der Annahme Beweis genug für ihre Wahrheit, und je mehr Gegner dieser Annahme sich auf Kants Beweis berufen, während er doch grade so scharf bewies, dass man auch über das Recht der Nichtannahme nichts wissen könne, um so mehr schwand seine Wertschätzung dieses Buches. Auch die an die Kritik der reinen Vernunft sich anlehnende Frage: Wie ist Erkenntnis möglich? hielt er für wertloser, als die dem praktischen Boden erwachsende Frage: Was ist als Wahrheit zu denken?
Bei Kant überhaupt vermisste Zimmermann das Eingehen in die Gemütswelt, die poetische und ästhetische Anregung und den Aufbau des Einzelnen zum Ganzen.
Dies alles fand er namentlich bei IHegel. Ohne je sein System annehmen zu wollen und verwerfend dessen dialektische Methode sprach er doch stets bewundernd von dem syste- matischen Aufbau zum Ganzen, worin das Einzelne stets in seiner Stellung und Beziehung zum Ewigen, Unendlichen betrachtet werde. Begeistert sprach er namentlich von Hegels Asthetik, und oft, wenn Zimmermann durch Schulthätigkeit sich ernüchtert fühlte, konnte man hören, er habe durch ein Kapitel aus Hegel sich wieder frisch gemacht. Auch rühmte er von Hegel, dass er die Sittlichkeit auf einen freieren und wahreren Boden stelle als Kant. Dieser will das Gute nur des Guten wegen gethan haben, nur aus Achtungsgefühl vor der Pflicht, nur aus Pflichttreue. Er meint, das Christentum verlange Unmögliches, wenn es fordere, das Gute aus Liebe und freier Neigung thun zu wollen; man könne das, was man solle, nicht wollen. Neuerdings wird dieser Einwand gegen das Christentum vielfach gehört. Und doch hat bereits Schiller, Kants edelster Schüler, es gerade als eine Liebenswürdigkeit des Christen- tums bezeichnet, dass es die Pflicht zur freien Neigung machen wolle. In einem interessanten Aufsatze Kants aus dem Jahre 1794 Über das Ende aller Dinge» giebt Kant in gewissem Sinne selbst das Liebenswürdige»,«die liberale Denkungsart? des Christentums zu, sieht aber auch hier die Liebenswürdigkeit verschwunden, da es ein Widerspruch seéi, zu gebieten, dass


