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man etwas gerne thue. Hegel namentlich aber begründete, wie das von aussen gebotene Sollen in ein inneres Wollen übergehen müsse, wenn von wahrer, freier Sittlichkeit zu reden sei.
Zimmermann nun wies gegenüber solchen Vernunfteinwänden gegen die christlich-sittliche Forderung gern auf das thatsächliche Geschehen im Leben hin. Man müsse die Frauen, denen er überhaupt mehr wie den Männern Ausdauer in Schmerz und Geduld zuschrieb, in der Krankenstube betrachten, um zu sehen, welche Fülle des Guten hier aus Liebesfreudigkeit gethan, wie hier die aufopferndste Pflege nicht als Zwang, nicht als belastende Pflicht, sondern als freudiges Wollen empfunden werde. Auch auf das Schlachtfeld wies er hin, wo die Liebe für Gott, Ehre und Vaterland freudig den Ieldentod sterben lasse. Solche Thatsachen des Lebens waren ihm Zeugnis dafür, dass die christlichen Forderungen mehr das Menschenmögliche verlangten, als die abstrakten Vernunftforderungen Kants, von denen er überdies sagte, sie führten zur Selbstgerechtigkeit.
In seinem Eifer für Vernunftthätigkeit lies Kant nur ein Gefühl gelten, nur das Achtungs- gefühl vor der Pflicht und konnte bei seinem Lob sogar in poctische Begeisterung geraten. Im übrigen aber hielt er es für Schwäche, wenn der Mensch statt durch Vernunft, durch das Gefühl und selbst durch Liebe sich bestimmen lasse. Im Iinblick hierauf konnte Zimmer- mann es scherzend beklagen, dass Kant in seiner Philosophie von der Liebe nur als Junggeselle rede, konnte er hinweisen auf seine eigene Korrekturthätigkeit, die er in der That nur dem kategorischen Imperativ gehorchend geübt habe, bei der er aber gerade deshalb das damit verbundene Gute nicht als ein Verdienst sich anrechnen könne.
Noch in anderen Fällen wies er auf die Thatsachen im Leben hin. So spotten die Eiferer für Vernunft und Selbstthätigkeit der christlichen Forderung, alles Heil als Gnade Gottes zu petrachten. Und doch geschieht täglich das Rätsel, dass selbst der Vernünftigste ein Gliick nur dann als wahres Glück empfindet und empfinden will, wenn er es als freie Gabe, als Gnade gleichsam erfassen kann. Denn wer da liebend um Liebe wirbt, der möchte wohl ringen und Liebe erzwingen, doch wem die Gewissheit der Liebe wurde, dem hat die Gewährung dann nur Wert, wenn er sie als frei gegeben, nicht als Errungenes und Erzwungenes weiss. Bei dem Verhältnis des Menschen zu Gott kommt aber noch ein anderes Moment zur Geltung; und je universeller Zimmermanns Wissen sich erweiterte, je mehr empfand er zugleich den geringen Umfang dessen, was der einzelne Mensch erfassen und leisten konnte, und um so mehr hielt er dafür, dass der Einzelne zwar wirken solle, so lange es Tag ist und nie genug wirken könne, dass aber das Geleistete gegenüber der Fülle des Ewigen stets zu gering bleibe, ein Verdienst darauf zu gründen. Die Bescheidenheit, die seine Natur war, spricht sich in dieser Anschauung wieder aus. Und hier wie überhaupt war es die Wertschätzung des Gemüts- lebens, die Erfassung des Menschen als eine in Denken, in Fühlen und Wollen sich bethätigende Persönlichkeit, die ihn veranlasste, der einseitig nur die Vernunft beachtenden Philosophie gegenüber, die christlichen Forderungen hochzuhalten. Die Göttlichkeit Christi war ihm dabei Gewissheit, wenn er sich auch scheute vor dogmatischer Formulierung hieher gehörender Fragen und Vorstellungen. Wo die Gemütswelt lebte, die durch die Sprache allüberall nur ungenügenden Ausdruck finden kann, da fühlte er sich von Formeln ebenso beengt wie von der juristischen Praxis. Von poetischer Darstellung liess er sich aber gern anregen und erheben. Und eine Lieb- lingslektüre an Karfreitagen war ihm die herrliche Stelle im deutschen Parzival, wo der mit Gott und der Welt zerfallene Held an einem Karfreitag wieder Mut gewann zu sehen, ob auch ihm der Helfer geboren, und sich vom Klausner Trevezent in die Geheimnisse des Heils einführen lässt.


