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Diesem Christentum galt denn auch das letzte Wort Zimmermanns am letzten Abend seiner geistigen Thätigkeit, am Montag den 28. Juli. Er hatte den Schreiber dieser Zeilen am Nachmittag zu einem Spaziergang geholt. Regen scheuchte uns früher unter ein schützendes Dach, und wie so oft sassen wir, Ernstes und Heiteres besprechend, zusammen. Von der Arbeit der vergangenen Woche sprach er, die ihn wieder zu Goethes prosaischen Sprüchen geführt und ihn wieder aufs neue die Fülle der darin enthaltenen Gedanken habe bewundern lassen. Er wünschte die Entwickelung von Goethes religiösen Anschauungen einmal dargestellt zu sehen und gab zu, dass Goethe bei seinem von Jugend auf unveränderlichen Vertrauen auf eine jenseitige Unsterblichkeit nie eigentlicher Pantheist hätte sein können. Von sich selbst sagte
er, wie ihm der Pantheismus, zumal der moderne, stets unverständlicher werde. Von der
„ Vielheit der Wissenszweige und ihrem Einfluss auf die höheren Schulen sprach er, wie aber nicht die Vielheit des Wissens zur Humanität bilde, sondern die religiöse und philosophische Durchdringung des Geistes.«Und da ist ja ein fester Boden gegeben; denn in den christlichen: Ideen und Forderungen liegt eine Kraft der Sittlichkeit und Bildung, die, statt veraltet zu sein, noch nie eigentlich zur That geworden und über die wohl keine Zeit hinausgehen wird.“ Das ist», setzte ich hinzu,«ganz wie Goethe zu Eckermann sagt: In den vier Evangelien ist eine sittliche Hoheit und Reinheit enthalten, über die keine Kultur und keine Naturwissenschaft je hinausgehen wird.»
Beim Abschied rief er noch: Den nächsten Montag kommen wir aber wieder sicher und eifrig zusammen in unserem philosophischen Kranz!» Er sollte Recht pehalten, doch anders als wir gedacht. Den Nachmittag darauf, ohne vorausgegangene Andeutung, traf ihn ein Schlag- anfall, der sofort die linke Seite lähmte, die Augen ihn nicht mehr öffnen liess und seinen Geist umnachtete. Schon den Tag darauf war klar, dass weder der Arzt, noch die treue Pflege der trauernden Gattin und Familie Rettung bringen konnten, und den Samstag, den 2. August nachmittags nach 2 Uhr, schlief er ruhig ein, in seinen Zügen den Ausdruck des Friedens und der Heiterkeit gewinnend. Der Montag, die Stunde, in welcher er sich für seinen Kranz ge-— rüstet hätte, vereinte seine Freunde an seinem Grabe. Zahlreich war die Beteiligung bei seiner Beerdigung. Das Gymnasialkolleg, dessen Mitarbeiter er seit acht Jahren nicht mehr war, gab ihm ehrendes Geleite. Stadtpfarrer Dingeldey und Gymnasialdirektor Becker legten am Grabe Zeugnis ab von dem Wert und Wesen des Geschiedenen, der letztere hoffend, dass Lehrer von Zimmermanns Art der Schule nie fehlen möchten, und dass sein Andenken nie verloren gehe, da ja auch der Prophet Daniel sage: Die treuen Lehrer leuchten wie des Himmels Glanz und wie die Sterne immer und ewiglich». Wir aber fassen alles zusammen mit den Worten in Goethes Epilog zu Schillers Glocke:
Es schritt sein Geist gewaltig fort, Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen,
Und hinter ihm im wesenlosen Scheine Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.


