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die ihm jederzeit ermöglichte, das Nächstliegende mit dem Fernsten zu vergleichen, seinen Unterricht wie den Umgang mit ihm anregend und belebend, so machte noch tieferen Eindruck der vorurteilsfreie Sinn, mit dem er das Schöne aller Orten und Formen anerkannte, und das klare Verständnis, mit dem er die Schönheiten der einzelnen Dichtungen wie ihre sittliche Reinheit und Grösse hervorzuheben wusste. Hierin war er ganz ungleich seinem Grossvater, der nur die Alten ehrte und von deutscher Litteratur, ähnlich wie Friedrich der Grosse denkend, nur etwa Klopstock gelten liess. Zimmermanns Drang nach Universalität liess ihn überall das Schöne und Wertvolle freudig anerkennen. Mit Vorliebe beschäftigte er sich natürlich bis an sein Ende mit den alten Klassikern, doch fühlte er sich sympathischer und deutschtümlicher von den Griechen angezogen, so dass in den letzten Jahren die Beschäftigung mit den Römern zurücktrat. An ihre Stelle trat die indische Litteratur, der er zuletzt viel Eifer widmete und bei der ihn freilich nicht die Form, sondern die religiöse und philosophische Tiefe mächtig anzog. In der deutschen Litteratur gab es sich stets, zugleich mit nationaler Begeisterung, den Meistern der älteren, neueren und selbst neuesten Zeit hin; in der Jugend für Schiller schwärmend, in älteren Jahren vor allen Goethe treu verehrend.. Doch blieb ihm Shakespeare der auf deutschem Boden unerreichte Dramatiker, bei dessen Stücken er gleichzeitig die Form wie die Reinheit der sittlichen Gesinnung bewunderte.
Diese Wertschätzung des Sittlichen war denn auch die Norm bei seinem Unterricht. Wie sein Grossvater hatte auch er das pädagogische Prinzip: Die jugendliche Kraft zu wecken und vorzubilden für die höchsten Ideen und die erhabensten Güter der Menschheit, für Wahrheit, und Wissenschaft, für Recht und Pflicht, für Religion und Tugend, Denn dies ist Aufgabe der Schule und aller Unterricht an sich nicht sowohl Zweck als vielmehr Mittel zur Lösung jener höheren Aufgabe». Von seinem Grossvater sagt Zimmermann, er habe von diesem Prinzip aus, was das Altertum betrifft, vor allem den Geist der alten Welt, die Tugenden der klassischen Alten gesucht, aber zu wenig die Grammatik. Er erkannte und verteidigte daher die Not- wendigkeit des Betriebes von Grammatik und Textkritik, er achtete mit scharfem Verständnis auf die sprachlichen Schönheiten und Schwäüchen eines Autors, er unterwarf mit feinem Gefühl den Aufbau eines sprachlichen Ganzen der ästhetischen Kritik, aber doch hielt er dafür, dass der Spezialbetrieb von Grammatik und Textkritik der philologischen Fachausbildung auf der Universität zugehöre, nicht aber den Gymnasien, deren Zweck sei, die Jugend zu Humanität vorzubilden. Humanität aber stecke nicht in Grammatik, nicht in Textkritik; sie stecke in den Ideen und Idealen der Autoren, in den Charakteren der Helden, die der Autor behandelt, in alle dem, was die«Menschenbrust durchbeben, das Menschenherz erheben» macht. Aber das, was durchbebt und erhebt, das Heilige und Hohe, das Reine und Gute, das Schöne und Wahre, wie die Verkehrung des Lichtes ins Dunkle, findet seine Gestaltung und Entfaltung im religiösen und philosophischen Leben und Denken der Völker. Daher der Zug Zimmer- manns, die Erzeugnisse der Völker in Litteratur und Geschichte auf ihren religiösen und philosophischen Gehalt zu prüfen, daher sein Zug nach Religion und Philosophie überhaupt. Denn beide waren ihm nicht wie so vielen einander ausschliessende Gegensätze. Wenn Religion besteht in der im Gefühl der vollkommenen Abhängigkeit ruhenden, vertrauensvollen Hingabe an den Urgrund der Dinge, an Gott, so war ihm Philosophie nichts anderes. Und nur inso-— fern im religiösen Leben des Volks oder der Gemeinde der Einzelne im Vertrauen auf Autori- täten als solche das als Wahrheit ansieht, was heilig von den Vätern her, so war ihm Philo- sophie als Gewissensfreiheit der Versuch, im Vertrauen auf eigene Geisteskraft erkennen zu


