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pries. Mit dieser Befreiung seiner Stimmung wuchs wieder sein körperliches Wohlbefinden und der Mut zu eigener Produktivität. Er wurde ein treuer Mitarbeiter an dem von Wilhelm Herbst begründeten, von Heinrich Keck fortgeführten«Deutschen Litteraturblatt». Seine Haupt- kraft aber widmete er einem grossen Werk über die Poesie in ihrer Entwickelung bei den ver- schiedenen Völkern. Es sollte leider nur ein Bruchstück bleiben. Von seinem Freunde Keck aufgefordert, stellte er zuletzt noch eine Auswahl von Goethes Gedichten mit Erläuterungen zusammen. Leider aber sollte er sich des bei F. A. Perthes in Gotha 1884 als III. Teil der von K. H. Keck herausgegebenen Klassischen deutschen Dichtungen mit kurzen Erklärungen für Schule und Haus» erschienenen Werkes nicht mehr erfreuen können; die letzten Aushänge- bogen trafen ihn bereits umnachteten Geistes auf seinem Krankenlager. Zu den Erzeugnissen seiner wiedererwachten Produktivität müssen wir auch die Gründung des bereits erwähnten philosophischen Kranzes rechnen, dem er den treuesten Eifer widmete und der ihm ein be- geistertes dankbares Andenken der Beteiligten sichert.
Wir stehen am Ende seiner Lebenstage und haben nun noch einen Blick auf seine innere Persönlichkeit, seine Anschauungen und Forderungen, oder, sagen wir, seine Ideen und Ideale zu werfen. Wie er die Lehrthätigkeit auffasste, davon ist zuerst zu reden; und doch war seine Natur eine so harmonisch einheitliche, dass, wie er in der Schule war, er sich auch ausserhalb derselben bethätigte. In der erwähnten Festschrift sagt er vom Grossvater:«Er bestätigte durch seine Persönlichkeit die Wahrheit, dass solche Lehrer die reinsten, tiefsten, nachhaltigsten, den ganzen Menschen bestimmenden Wirkungen erzeugen, welche strenge Sittlichkeit, Adel der Seele und reichen Liebegehalt mit ins Amt bringen». Dies gilt voll und ganz von Zimmer- mann selbst. Er brachte dies alles mit zur Schule, mit ins Leben. Zumal in Betreff des Adels der Seele besass er, gleich seinem Grossvater,«ein zartes, vor dem Unreinen, auch wenn er nur davon hörte, in Pein zurückscheuendes Sensorium». Fr hielt für die Jugend das Beste und Reinste, und zwar nur das Beste und Reinste, gerade gut genug, um sie daran zu unter- richten und zu erziehen. Angstlich war er daher in der Auswahl dessen, was er in der Schule zu lehren hatte. Doch ausserhalb derselben dachte er nicht anders. Mit Kant hielt er dafür, dass ein radikal Böses dem Menschen innewohne, und dass man daher nicht früh genug be- ginnen könne, die Seele in eine reine Luft zu setzen, sie zu erheben durch die Hinführung zu den Glanzgestalten der Geschichte, Sage, Dichtung und Erzählung. Als einen verderblichen Irrtum sah er daher auch jenen modernen Naturalismus an, der unter der Firma: durch Ab- scheu erziehen zu wollen, sich gefällt, die widerlichsten Lebensverhältnisse künstlerisch schön zu gestalten. Dies hielt ihn indes nicht ab, die künstlerische Bedcutung von Werken, die in einer ihm irrigen Bahn sich bewegten, an wissenschaftlicher, gelehrter Stelle offen anzu- erkennen. Aber da, wo es sich um Empfehlung eines Werkes für den Familientisch handelte, lehnte er stets die Anzeige ab, da das Buch auf dem Familientisch unerfahrener Jugend in die Hände fallen könne. Wir fügen an dieser Stelle noch pei, dass sein«zartes Sensorium? sich wohl in sittlichem Zorn aussprechen konnte, dass es aber stets peinlich berührt ward, wenn in geselligem Kreise von jemandem lieblos gesprochen ward.
Zu dem, was er in der Schule wie in dem Umgang mit anderen mitbrachte, gehört aber vor allem sein universelles Wissen in Litteratur. Einerlei ob Hellas oder Rom, Persien oder Indien, England oder Spanien, Italien oder Deutschland, Nordisches oder Französisches ange- schlagen wurde: er war darin zu Haus, kannte nicht nur das Einzelne, sondern hatte auch darüber studiert und sein eigenes Urteil gebildet. Machte nun schon diese Fülle des Wissens,


