Aufsatz 
Friedrich Zimmermann. Eine Skizze seines Lebens und Wirkens
Entstehung
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namentlich an dem Gymnasium in Darmstadt in vielfachen, meist langwierigen Erkrankungen von Lehrern ihre Folgen hinterliess.

Und so sah sich denn auch Zimmermann, dessen Körper nie sehr kräftig war und der als Lehrer der deutschen und der klassischen Sprachen nie über Mangel von den Körper und den Geist aufreibenden Korrekturen von Aufsätzen und Exerzitien zu klagen hatte, in einem Alter, in dem unter anderen Umständen dem Lehrer Entlastung wird, sich mehr und mehr mit einer ermüdenden Korrekturarbeit überhäuft. Aber mit der unerschütterlichsten Pflicht- treue und Gewissenhaftigkeit lag er dieser Arbeit ob, die ihm um so mehr Zeit raubte, als er stets in der peinlichsten Sorge lebte, er könne mit seiner Korrektur einem Schüler ungerecht werden. Zur Erholung suchte er nicht, wie andere, gesellige Zerstreuung auf; im Gegenteil, er lehnte in solchen Fällen oft Geselligkeit ab, da er ja doch in seiner Ermüdung nichts zur Unterhaltung beitragen könne. Sich gesund zu baden, griff er zu seinen Dichtern und Philo- sophen, aber die Zeit, sich in ihnen zu vergessen, ward ihm noch beschränkt durch die Ge- wissenhaftigkeit, mit der er sich für jede Stunde vorbereitete. Diese Zeit zu erübrigen, zog er sich denn noch mehr von dem beunruhigenden Lärm der Welt zurück. Mit lebhaftestem Geist verfolgte er zwar die geschichtlichen Ereignisse der Welt, aber sein Umgang beschränkte sich mehr und mehr auf die Familie, wenige Freunde und die Bücher. Da konnte nicht aus- pleiben, dass diese Weltflucht auch in seinem Xussern Ausdruck fand, und wer den einfachen, etwas hageren, in sich versenkten, und dabei etwas unsicher gehenden, öfter stillestehenden Mann auf der Strasse sah, der konnte nicht denken, welche Innerlichkeit, welche Geistesfülle diese Kusserlichkeit barg. Da aber, wo er in heiterer oder ernster Geselligkeit sich behaglich fühlte, da namentlich, wo er einem Freunde sich voll offenen Vertrauens hingab, da schwand auch alles Eckige seiner Erscheinung. Die Bewegungen gewannen die Anmut und Grazie seiner geliebten Griechen, sein Auge leuchtete und bei dem Fluss seiner Rede, die von dem Hauch des Idealen stets bescelt war, bei dem gutmütigen Witz, dem liebenswürdigen Humor, womit er die Rede würzte, erschien er selbst ein wiedererstandener Sokrates. Diese Schönheit seines Wesens trat namentlich in einem Verein hervor, den er 1878 ins Dasein gerufen, den er in seinem Dasein belebte und beseelte, und in welchem frei und versöhnlich philosophische Fragen behandelt wurden.

Grössere selbständige Arbeiten liess er in Darmstadt nicht erscheinen; die Schulthätigkeit gab ihm keine Zeit dazu. Kleine Aufsätze sind in Zeitungen zerstreut. In Büdingen hatte er vor grösserem Publikum Vorträge gehalten, in Darmstadt konnte er nur ausnahmsweise sich dazu entschliessen. Wir können es beklagen, dass seine Bescheidenheit ihn abhielt, mit seinem geistigen Kapital nach aussen zu glänzen; aber gerade diese Bescheidenheit bildete einen wesent- lichen Zug seines liebenswürdigen, treuen, hingebenden, liebethätigen Sinnes, seiner anima candida», wie ihn sein bereits genannter Jugendfreund, H. Wiener, Prof. in Lausanne, bei der Nachricht seines Todes nannte.

Im Herbste 1876 trat Zimmermann aus Gesundheitsrücksichten von der Lehrthätigkeit zurück, und es war ihm damit vergönnt, noch einige, leider zu kurze Jahre ruhiger Arbeit, geistbeglückender Thätigkeit zu verleben. Von Frauen, die seine Schülerinnen, von Männern, die seine Schüler waren, erhielt er vielfache, oft unerwartete Zeichen dankbarer, anhänglicher Verehrung, die ihn die Not der letzten Schulthätigkeit vergessen liessen und ihm den freien Blick auf die Lichtseiten seiner segensreichen Wirksamkeit wiedergaben, wie die volle Freude

an dem Verkehr mit der Jugend, den er stets als einen das Herz jung und frisch erhaltenden

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