Aufsatz 
Friedrich Zimmermann. Eine Skizze seines Lebens und Wirkens
Entstehung
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nach Giessen; beide in der Absicht, Rechtswissenschaft zu studieren, dabei mehr dem elterlichen Wunsche wie dem des Herzens gehorchend. Der Bruder wandte sich schon bald seinen Lieb- lingsstudien zu, und mit um so grösserer Gewissenhaftigkeit bemühte sich Friedrich, den elterlichen Wunsch zu erfüllen. Mit seltener Auszcichnung absolvierte er im September 1835 das erste juristische Examen und begann seinen Access am Hofgericht in Darmstadt. Aber die Leere, welche sein poctisches, phantasiereiches Gemüt bei dem praktischen Betriebe des Rechts empfand, liess ihn dann bereits im Dezember desselben Jahres um die Erlaubnis ein- kommen, sich ohne nochmaligen Besuch einer Universität für das Lehrfach in Philologie vor- bereiten zu dürfen. Im Frühjahr 1837 bestand er mit Ehren in Giessen dieses Examen, war dann Accessist, später Hülfslehrer am Gymnasium in Darmstadt und erhielt am 1. Mai 1841 die definitive Anstellung an dem Gymnasium in Büdingen.

Mit Liebe verweilte seine Erinnerung bei diesem Aufenthalt in Büdingen. Verbrachte er doch hier die ersten Jahre eines erstrebten Zieles und ward ihm doch hier seine mit jugend- frischer Begeisterung ergriffene Amtsthätigkeit verschönt durch seine im Juni des Anstellungs- jahres erfolgende Verheiratung. Beglückt ward sein Aufenthalt durch herzlich freundschaftlichen Verkehr mit den Kollegen der Anstalt, wobei vor allem der treuen, ihn geistig erhebenden Freundschaft mit seinem Direktor Thudichum, dem poetischen Übersetzer des Sophokles, wie der Freundschaft mit Haupt, dem Nachfolger Thudichums in der Direktion, zu gedenken ist. Die Schüler waren ihm freudig zugethan und auch der fürstliche Ilof liess ihn vielfach seine Achtung und Wertschätzung empfinden. So vereinte sich alles, ihn in gehobene Stimmung zu versetzen, die denn auch ihren Ausdruck in dem Mut zu verschiedenen Publikationen fand. Ein treffliches dreibändiges Deutsches Lesebuch für Gymnasien und Realschulen?, Abhand- lungen, betitelt:«Zur Geschichte der Poesic», eine Arbeit:«Der Begriff des Epos», dann eine «Ubersetzung Theokrits» erschienen in dieser Büdinger Zeit. Aber eine schöne Hoffnung be- lebte damals zugleich seinen Sinn. Er wäre der Mann gewesen für eine Professur der Litteratur an einer deutschen Hochschule. Als höchstes Ziel erschien ihm diese Wirksamkeit, und ein paarmal öffnete sich ihm eine Aussicht hierzu, so auch nach Jena, der Stätte von Schillers einstiger Thätigkeit. Doch jedesmal sah er sich getäuscht. Jahre brauchte er, um diese Täusch- ungen in sich zu überwinden, aber die Scheu, die er stets vor dem beunruhigenden Treiben der Welt gehabt, ward im Gefühl getäuschter Hoffnungen vermehrt und gab ihn noch mehr der Zurückgezogenheit hin.

Im September 1856 kam er an das Gymnasium in Darmstadt. Rasch erwarb er sich wieder die Liebe und Achtung der Schüler, die Freundschaft der Kollegen. Die Reichhaltigkeit der Hofbibliothek gab ihm zugleich die gewünschte freie Bewegung für seine Studien; die Grösse des Gymnasiums gab ihm im Gegensatz zu Büdingen auch einen grösseren Boden für seine Lehrthätigkeit, und er vergrösserte diesen Boden noch durch UÜbernahme von Litteratur- stunden an einer Töchterschule. Aber auch diese Freude an vergrösserter Thätigkeit sollte ihm durch die Entwickelung des Gymnasiums getrübt werden. 1856, als er an diese Anstalt trat, hatte sie 224 Schüler, 1870 bereits 415 und 1876, als er sie verliess, sogar 568. Diese Schülerzunahme beschränkte sich nicht auf Darmstadt; sie erstreckte sich über alle Anstalten des Landes. Um so weniger aber war es möglich, dem Bedürfnis entsprechend, das Lehr- personal zu vermehren. Erst ganz allmählich konnte durch Teilung der Klassen eine Teilung der Arbeit herbeigeführt werden, und so befanden sich denn die einzelnen Lehrer in einer Überbürdung mit Arbeit, der sie freilich, die Sachlage erkennend, freudig nachkamen, die aber