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Friedrich Zimmermann.
PEine Skizze seines Lebens und Wirkens
von
L. Weis.
Am 4. August 1884 abends 6 Uhr ward unter zahlreicher Beteiligung ein Mann zu Grabe getragen, der so recht ein Zeichen der Wahrheit ist, dass nicht das Kussere, sondern das Innere, nicht die Form, sondern der Charakter, die That es ist, was den Wert und die Würde des Menschen bestimmt. Es war der Grossh. Gymnasialprofessor i. P. Dr. Friedrich Zimmer-— mann.— Geboren am 24. Februar 1814 in Darmstadt als Sohn des nachmaligen Geheimen Staatsrats Zimmermann, war er ein Enkel von Johann Georg Zimmermann, dem Direktor des Gymnasiums zu Darmstadt von 1803— 1826. In dem 1879 von Prof. Dr. W. Uhrig verfassten Jubiläumsprogramm der Anstalt sagt der Enkel vom Grossvater: Er lebte zurückgezogen von dem zudringlichen oder beunruhigenden Lärm der Welt, ganz seinem Amte ergeben als Schul- und Familienvater, eine fast viertelhundertjährige Idylle im höheren Stil; noch im Ruhezustand lebte er mit dem heiteren, wonnigen Gefühl eines von Segen durchdrungenen, sub specie aeternitatis geführten Lebens und er rühmte sich im Hinblick auf die Lichtseiten dieses Lebens noch im 70. Jahre, eine ganze Welt in seinem Busen zu fühlen, aus der er wie aus einem Zauberquell stets noch jugendliche Kraft, jugendliche Heiterkeit schöpfe.?
Etwa 15 Jahre war Zimmermann alt, als am 10. Dezember 1829 sein Grossvater starb. Er war alt genug, dauernden Eindruck von dem seltenen Manne, dessen Olbild wir stets über Zimmermanns Arbeitstisch sahen, gewonnen zu haben. Und in der Scheu vor dem Lärm der Welt, in der treuen, alleinigen Hingabe an Schule und Familie, in dem Zug nach allem Ewigen, in der jugendlichen Kraft und heiteren Frische noch im 70. Jahre finden wir Züge des Gross- vaters im Enkel wieder.
Noch unter der Direktion seines Grossvaters war Zimmermann in das Gymnasium eingetreten. Seit 1826 übernahm Dilthey die Führung der Anstalt und da mag denn die Thatsache, dass 1830 der Selektaner Paul Ernst Hermann Wiener eine von der Kritik ehrend anerkannte Abhandlung «de legione Romanorum vicesima secunda» erscheinen liess, genügen als Beweis, dass in jenen Jahren als Frucht des Eifers der Lehrer für klassische Welt auch der Eifer der Schüler lebendig war. Gern und oft sprach Zimmermann von jener eifervollen Gymnasialzeit. In Treue dachte er stets der Genossen jener Jahre, die zu überleben ihm vergönnt war; in herzlichster Hingabe suchte er den Verkehr mit den noch lebenden zu erhalten. Er war der eifervollsten einer, nahm teil an den poectischen Versuchen in griechischer, lateinischer und deutscher Sprache, welche die Gewandtheit im Gebrauche der Sprache und den durch die Schule geweckten ästhetischen Sinn pethätigten und stärkten, und unermüdlich war er im Studium poetischer und philosophischer Schriften. Mit seinem Zwillingsbruder Georg, dem vor wenig Jahren verstor- benen geistvollen Professor der Litteratur und Geschichte, ging er 17 Jahre alt im Herbst 183
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