Aufsatz 
Zur Organisation des naturgeschichtlichen Unterrichts an unserem Gymnasium / von G. Weihrich
Entstehung
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wirkungen, welche um so leichter zum Ziele führen, je jünger die Schüler sind. Denn die jüng- sten Schüler geben sich weit vertrauensvoller und unmittelbarer der Leitung und Anweisung des Lehrers hin. Dabei soll jedoch gleich hervorgehoben werden, dass auch der Sammeleifer ausarten kann, was jedoch bei unserer dermaligen Jugend nicht leicht zu befürchten ist, und dass er in diesem Falle nach verschiedenen Richtungen einer weisen Beschränkung und der steten Aufmerk- samkeit des Lehrers bedarf.

Was den Lehrstoff selbst betrifft, so soll die Einführung des Schülers in den Formenreich- thum der Naturkörper durch die Betrachtung derselben nach ihrer äusseren Erscheinung, nach ihrem inneren Bau und nach den in ihnen sich vollziehenden Bewegungserscheinungen erfolgen, so dass daraus die Erkenntniss der äusseren und inneren Verwandtschaften sowohl der Gestalt als der Lebensthätigkeiten und im Anschluss daran die Classification sich von selbst ergibt. Wenn jedoch der naturwissenschaftliche Unterricht seine segensreiche Wirkung voll und ganz zur Geltung bringen soll, so darf er diese Einseitigkeit nicht ausschliesslich aufrecht erhalten; er muss viel- mehr die Darstellung der ganzen Natur als einer grossen Einheit möglich machen, in der das Einzelwesen als ein Glied der grossen Kette der Abhängigkeit aller Naturkörper von einander auf- tritt. Er muss also die gegenseitigen Wechselbeziehungen und die darauf sich gründenden Existenz- bedingungen der Naturkörper durch die Beobachtungen der Schüler zum selbsterkannten vollen Bewusstsein bringen, so dass dann, um mit A. v. Humboldt zu reden, die Natur als ein durch innere Kräfte bewegtes Ganze erscheint. So aufgefasst und dies als das höchste Ziel unseres Unterrichts angesehen, erhält die Betrachtung des unscheinbarsten Pflänzchens eine grosse Bedeu- tung, indem sich daran die Beobachtung eines Treibens und Webens knüpft, das eine ganze Welt für sich darstellt. Das Pflänzchen lockt durch die Farbenpracht seiner Blüthe, durch Honigdrüsen u. dergl. eine Menge von Thierchen an, die ihm dann nebenbei seine Befruchtung besorgen; andere hält es durch Stacheln, Haare, Klebstoffe von sich ab; für weitere bildet es das Substrat ihrer ganzen Existenz u. s. f. Eins ist dem Andern nothwendig. Die Uebertragung dieser Wechsel- beziehungen auf die menschlichen Verhältnisse liegt auch dem Schüler nahe; er lernt um so leich- ter sich selbst als ein mit Rechten und Pflichten ausgestattetes Glied der menschlichen Gesell- schaft ansehen und lernt um so mehr die der wachsenden Gesittung allmählich entstammenden Formen der Gesellschaft, wie sie sich in Staat und Kirche, in Gemeinde und Familie darstellen, hochschätzen im Gegensatze zu dem in der Natur herrschenden rohenKampf ums Dasein. Auch durch die Hervorhebung dieses Gegensatzes soll der naturwissenschaftliche Unterricht mit andern speciell die ethische Seite der Erziehung pflegenden Unterrichtszweigen ebenbürtig zu dem Zweck eintreten, in dem Kinde die Grundlage der öffentlichen Moral zu legen. Hierbei wollen wir gar nicht weiter reden von dem tiefen Eindruck, den die rührenden Beispiele von Liebe und Anhäng- lichkeit, wie wir sie so vielfach im Familienleben und sonst in der höheren Thierwelt beobachten, auf das Kindesherz machen.

Auch bei dieser Gelegenheit müssen wir nochmal hervorheben, dass dieKünstelei unseres ganzen Lebens, der Bücherstaub unserer Schulen die Augen getrübt, die Aufmerksamkeit geschwächt, die unmittelbare Auffassungskraft abgestumpft und dass endlich die Ueberfeinerung blasirt gemacht hat. Man will nur Aussergewöhnliches beachten, nur besonderen Reizen folgen. Die tausend Beobachtungen, die man an der Strasse machen kann, finden die Jugend stumpf. Von wie grossem Werthe ist es also, wenn wir gegen all diese Krankheiten als kräftiges Schutzmittel grade unsern jüngsten Schülern schon zur sinnigen Naturbetrachtung Anleitung geben können. Man braucht nur einmal die Augen derselben strahlen zu sehen, wenn ihnen charakteristische