Aufsatz 
Zur Organisation des naturgeschichtlichen Unterrichts an unserem Gymnasium / von G. Weihrich
Entstehung
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welche von den entgegengesetzten Seiten über ihn laut geworden sind. Die hohe Bedeutung der Naturwissenschaften für das geistige und materielle Leben der Völker, wie sie besonders in so geistvoller Weise in dem berühmt gewordenen Vortrage überCulturgeschichte und Naturwissen- schaft von DuBois-Reymond geschildert wurde, verlangt gebieterisch eine hinlängliche Berücksich- tigung jener Disciplinen im Lehrplane der Gymnasien. Dazu kommt noch, dass der naturwissen- schaftliche Unterricht eine bedeutende, bisher zum Theil offen gebliebene Lücke im Erziehungsplane hauptsächlich für die unteren Klassen ausfüllt. In der 7. Directoren-Conferenz für die Provinz Preussen wurde über die Förderung der Anschauungsfähigkeit der Schüler durch den Unterricht gehandelt und erklärt, dass die Schule in dieser Hinsicht eine doppelte Aufgabe zu lösen habe, indem sie ihre Schüler a) im sinnlichen Anschauen übt, d. h. im bewussten Gebrauche ihrer Sinne zum Erfassen sinnlich wahrnehmbarer Gegenstände, und indem sie 5) eine innere Anschau- ungsfähigkeit entwickelt, d. i. die Fähigkeit, sinnlich nicht wahrgenommene oder nicht wahrnehm- bare Gegenstände mit dem Auge des Geistes anzuschauen. Es wurde ferner erklärt, dass der Unterricht der höheren Schulen, namentlich der mittleren und unteren Klassen, diese Anschauungs- fähigkeit, sowohl die sinnliche als auch die geistige, nicht in ausreichendem Masse fördere, und es wurde ausdrücklich betont, dass vorzüglich der naturwissenschaftliche Unterricht durch zweck- mässige Gestaltung und Ausdehnung berufen sei, diesem offenbaren Uebelstande abzuhelfen. So bekamen nach und nach die Fachlehrer jene allein wirksame Unterstützung bei ihren Forderungen zur Hebung dieses Unterrichtszweiges, die früher fast ausnahmslos theils als unpassend und un- nütz zurückgewiesen, theils als viel zu weit gehend bezeichnet wurden. So erkannten, wenn auch noch nicht alle Gymnasialpädagogen, doch die berufenen Leiter dieser Anstalten den grossen Fehler unseres Erziehungswesens, den gänzlichen Mangel an systematischer Bildung des Beobachtungs- vermögens.Obwohl alles positive Wissen mit der Beobachtung der Gegenstände anfängt und in der Unterscheidung und Vergleichung ihrer Aehnlichkeiten und Unähnlichkeiten besteht, so ist doch seltsamer Weise keine Fürsorge getroffen gewesen für eine regelmässige Entwickelung des Beobachtungsvermögens. Das was das Erste und Hauptsächlichste sein sollte, wurde nur unzu- länglich gepflegt. Man belädt das Gedächtniss mit Büchergelehrsamkeit, thut aber wenig, um den Geist in die Natur selbst einzuführen oder ihn aufmerksam und empfänglich zu machen und das Verständniss für die ihn umgebende Ordnung der Dinge aufzuschliessen.

Man muss an sich selber die Wahrnehmung gemacht haben(und diese Bemerkung gilt jenen Gymnasialpädagogen, welche das Unglück hatten, diese Wahrnehmung an sich nicht machen zu können), um mit vollster Ueberzeugung dem naturwissenschaftlichen Unterricht so gut wie den bisher mehr begünstigten Unterrichtszweigen eine wirkliche Förderung des Gemüthslebens, des ethisch-religiösen Gefühls zuzuschreiben. Wenn dieser Unterricht im Geiste des Lehrplans gegeben wird, so ist er völlig im Stande, dem jugendlichen Leben einen Inhalt zu geben und den Knaben zu veranlassen, nicht pronus ac ventri obediens, wie der alte Römer zürnend sagt, durch die Natur und das Leben zu starren, vielmehr lichten Auges wie in einer trauten Heimath sich mit reinem Genuss der unerschöpflichen Schönheiten der Natur zu erfreuen. Welche Fülle von geisti- ger Erweckung, von Anregung aller Lebensmomente bietet dann jeder Spaziergang einzig dadurch, dass unsere Schüler gelehrt werden, die Schöpfung zu beachten, mit hingebender Liebe bei ihr zu verweilen.Wie wird da Alles belebt, voll Interesse, wo der lebendige innige Verkehr mit den Naturgebilden geweckt ist, wie erweitert sich da Auge, Kopf und Herz.

Von sehr grosser Wichtigkeit ist ferner die durch den naturgeschichtlichen Unterricht ermög- lichte Befriedigung des Schaffenstriebes der Jugend. Treibt sie nichts Rechtes, so treibt sie was